Kurzgeschichten

Kurzgeschichte zu KoZ
Mio vertraute seine intimsten Sorgen als Jugendlicher einem Tagebuch an, welches nach etlichen Jahren wieder aufgetaucht ist. Wird es ihm gelingen, die Geheimnisse vor seinen Freunden zu bewahren?

Trübsinnig ging ich an den Regalen vorbei. Mein Blick glitt zwischen den bunten Verpackungen entlang, jedoch weckte keine mein Interesse. Dennoch griff ich nach einer Tüte Gummibären. Mit ihr gings weiter Richtung Kasse. Ich wollte direkt bezahlen, wurde jedoch unterwegs auf einen Typen aufmerksam, der an dem CD Regal stand. Er war in etwa in meinem Alter und durchforstete interessiert das Angebot. Mir gefielen seine langen Haare, aber seine Begeisterung ließ mich ermüden.
Mein Tag heute war nicht gut. Ich bekam die Physikarbeit zurück. Mal wieder ne 5. Zum Kotzen.
Der Typ bei den CDs spürte meinen Blick. Er fühlte sich gestört. Verständlich. Schnell ging ich weiter und bezahlte der hektischen Kassiererin den Preis für meinen Seelentröster.
Gleich danach mussten die ersten Gummibären dran glauben. Der süße Geschmack auf der Zunge hob meine Laune ein bisschen. Aber nicht viel.
Ich schlürfte weiter, vorbei am Buchladen. Eine witzige Karte mit einer Schildkröte zog mich an. Ich überlegte, sie Mama zu kaufen. Sie mag die Tiere genau wie ich.
Wieder paar Euro ärmer gings weiter Richtung Ausgang. Da rempelte mich ein älterer Mann an. Beinahe ließ ich die Gummibären fallen.
„Pass doch auf“, schimpfte er, obwohl ich keine Schuld hatte. Hastig lief er weiter. Ich dachte mir verärgert meinen Teil, stopfte gleich noch paar Gramm Zucker nach und ging zum Schreibwarenladen.
„Mio, bring mir nach der Schule bitte neue Briefumschläge mit“, hatte mir Mama gesagt. Nur deswegen bin ich eigentlich ins Kaufhaus gefahren.
Träge wanderte ich durch das enge Geschäft. In den vollgestopften Ablagen standen unzählige bunte Stifte. ‚Keine Ahnung, wer so viele Stifte braucht …‘ Briefumschläge fand ich keine. Dafür etwas anderes: Zwei tuschelnde Mädchen aus meiner Parallelklasse. Sie kicherten und hielten beide ein mintgrünes Buch in der Hand. Auch ihnen entging mein Blick nicht. Sie lächelten mich an. Beschämt wich ich aus und machte kehrt.
‚Stopp, Mamas Briefumschläge!‘
Bedeckt wartete ich bei den Ordnern und Schnellheftern, bis die Mädels aus meiner Schule sich verzogen. Sie kauften beide diese mintgrünen Bücher. Nachdem sie weg waren, traute ich mich aus meinem Versteck. Warum auch immer zog es mich zu der Stelle, an der die beiden standen. Ich entdeckte die Auslage der besagten Bücher.
‚Ein Tagebuch‘, dachte ich und fühlte ein tiefes Verlangen. Doch schnell schüttelte ich den Kopf und wandte mich ab. Mein komisches Verhalten weckte die Aufmerksamkeit der Verkäuferin. Sie quetschte sich mit ihrem dicken Bauch hinter der Kasse vorbei und kam zu mir. Ich bemerkte sie nicht gleich und erschrak, als sie mich ansprach.
„Kann ich dir helfen?“
„I-Ich s-such Briefumschläge”, antwortete ich und verhaspelte mich beim Sprechen. Das passiert mir immer, wenn ich nervös bin.
„Dort“, meinte sie. „Du bist ganz richtig.“
Die Umschläge lagen neben den Tagebüchern. Sie waren mir nicht aufgefallen.
„D-Danke“, sagte ich.
Sie nickte und watschelte zurück zur Kasse.
‚Die ist schwanger‘, ging mir durch den Kopf, bevor ich den ersten Packen Umschläge nahm. Dabei stellte ich mich ungeschickt an. Ich riss eines der Tagebücher mitsamt mehreren Packungen Briefumschlägen aus dem Regal. Hektisch sammelte ich alles auf. ‚Wie peinlich.‘ Doch ich hielt inne, als ich das mintgrüne Buch in den Händen hatte. Ich starrte es an. Es fühlte sich verhältnismäßig schwer an, obwohl es nicht wirklich dick war. Der Umschlag war weich. Ein Schloss hing vorn dran, inklusive zwei Schlüsseln.
„Soll ich dir helfen?“, rief die Kassiererin genervt.
„N-Nein, ich hab alles.“
Ich ging zu ihr.
„13,48 bitte.“
Angespannt gab ich ihr das Geld. Eilig verließ ich das Geschäft. Meine Einkäufe stopfte ich vorher in den Rucksack.

*

Erster Eintrag: 25. April 2018
Was hab ich mir nur dabei gedacht …

Zuerst sollte man sich vorstellen, denke ich. Obwohl es albern ist, immerhin weiß ich, wer ich bin und niemand anderes wird das hier je zu Gesicht kriegen. Trotzdem … Die zehn Euro sollen nicht umsonst gewesen sein.
Mein Name ist Emilio Marino, geb. 31.08.2004 in Dresden, aber ich wohne mit meinen Eltern in Kittlitz. Ich liebe Fußball. Seit ich sieben bin, spiele ich im Verein. Ein anderes Hobby habe ich nicht, obwohl ich auch gern singe. Aber das ist zu unmännlich. Papa will das nicht. Er würde durchdrehen, wenn er wüsste, dass ich dich gekauft hab. Aber vielleicht wollte ich dich genau deswegen …
Na, egal. Ich stell mich weiter vor.
Außer in Sport bin ich nicht gut in der Schule. Ich hasse Mathe, Physik, Englisch, Geo, Deutsch – eigentlich alle Fächer. Ich leide an Prüfungsangst. Meine Nervosität lässt mich jede Klausur vermasseln, egal, wie viel ich gelernt habe. Meine Eltern sind von meinen schlechten Leistungen natürlich nicht begeistert. Mit Papa gibt es deswegen immer Ärger. Er ist Polizist und muss aufgrund seines Jobs streng und taff sein. Er ist ein starker Mann, der unangefochten der Boss ist. Daheim wie auf Arbeit. Mama und ich würden uns nie trauen, etwas gegen seine Meinung zu sagen. Mich macht das oft ziemlich traurig (und wütend). Er nörgelt ständig an mir rum. Entweder sind meine Haare zu lang, oder ich bin zu verweichlicht. Es ist ewig her, dass er mich ohne ein nachfolgendes „Aber“ einfach nur gelobt hat.

*

„Hä? Mio, was hast du denn da?“
Raxia legt ihre Hand auf meine Schulter und beugt sich über mich. Ich erschrecke beinahe zu Tode. Sie weicht zurück, weil sie mit meiner heftigen Reaktion nicht gerechnet hat.
„Himmel“, schnauft sie. „Geht’s noch? Du hast mich erschreckt.“
„Gleichfalls“, japse ich und verstecke das alte Tagebuch unter meinem Kopfkissen. Raxia beobachtet meine Bewegung. Sie hebt fragend eine Augenbraue. Um auf Nummer Sicher zu gehen, dass sie nicht rankommt, setze ich mich auf das Kissen.
„Was ist das?“
„Nichts.“ Beschämt weicht mein Blick ihr aus.
„Du hast da was gelesen.“
„’ne Erinnerung.“
„Mioooh“, zieht sie meinen Namen unnötig in die Länge und stemmt die Hände in die Hüften. „Du hast mir versprochen, keine Geheimnisse vor mir zu haben.“
„Das hab ich nie versprochen.“
„Doch.“
„Nein.“
„Das ist unfair! Ich will wissen, was du da gelesen hast.“
„Nichts.“
„Dann seh ich eben selber nach.“
Kurz darauf lehnt ihr ganzes Gewicht gegen mich. Sie kniet halb auf meinem Bett, aber ich denke nicht dran, mich von dem Kissen zu entfernen. Niemand darf dieses uralte Tagebuch mit meinen dunkelsten Geheimnissen zu Gesicht kriegen. Es ist ein Wunder, dass es nach all den Jahren noch unversehrt in seinem Versteck auf mich gewartet hat.
„Hör auf dich zu wehren“, knurrt Raxia. Sie liegt auf mir und ich halte ihre Arme fest. Unter mir liegt das Tagebuch sicher vergraben. Es wäre ein leichtes Raxia in den Bauch zu treten und von meinem Bett zu werfen. Aber ich will ihr nicht wehtun.
„Hast du da was Fieses über mich reingeschrieben?“
„Warum sollte ich das tun?“, antworte ich unter Druck. Ihr Knie ist an einer sehr gefährlichen Stelle. „Lass mich in Ruhe.“
„Gib auf!“ Sie lässt sich fallen. Ich fühle ihren Körper auf mir. Das macht mich nervös. Erschrocken lasse ich von ihr ab, woraufhin ihre Hände sich blitzschnell unter mein Kopfkissen graben. Ich erschrecke. Es fehlt nicht viel, dann zieht sie das Buch unter mir hervor. In meiner Panik umschlinge ich ihren Oberkörper mit den Beinen und fuchtle blind mit den Händen hinter meinem Kopf, um sie zu stören. Raxia hält ihre Beute fest. Zum Lesen kommt sie nicht.
„Jetzt lass mich einen Blick hineinwerfen“, meckert sie.
„Nein! Das geht dich nichts an!“
„Dann sind da Lästereien drin! Ist das Milans und dein neues Hobby, seit du wieder Lesen kannst?“
„Nicht alle Welt dreht sich um dich, Raxia.“ Mein Hieb sitzt. Ich schaffe es, ihr das Tagebuch aus der Hand zu schlagen. Es landet im hohen Bogen auf dem Boden. In Zeitlupe sehe ich meine niedergeschriebene Jugend davonflattern.
Raxias Augen haben das Ziel erfasst. Sie will ihm nach.
„Nein“, rufe ich energisch, umklammere ihren Bauch und wir fallen durch den Schwung vom Bett. Ich begrabe sie unter mir. Tapfer streckt sich ihr Arm Richtung Tagebuch. Der mintgrüne Rücken, der nach den Jahren mitgenommen aussieht, liegt oben. Ihre Fingerspitzen berühren es beinahe.
‚Wenn ich sie loslasse, um das Buch zu greifen, ist sie schneller. Mist, was mache ich nur?‘
„Ich habe es gleich und werde herausfinden, was für ein Geheimnis du vor mir hast“, sagt sie entschlossen.
Ich sehe alle Felle davonschwimmen. In dem Moment geht die Tür auf.
„Mio, ich hab …“ Milan stockt. Sein Blick wandert zu Boden. Raxia und ich sind erstarrt. Wir liegen in keiner vorteilhaften, sondern vielmehr zweideutigen Position aufeinander. Milan lacht.
„Wie wäre es mit abschließen? Oder wolltet ihr erwischt werden?“
Raxia und ich werden schlagartig rot. Ich gehe von ihr runter. Just fällt Milan das Tagebuch auf. Noch kichernd bückt er sich und hebt es auf.
„Lass das“, rufe ich entsetzt, als ich es in seiner Gewalt sehe. „Du darfst das nicht lesen.“
„25. April 2018? Das ist ja uralt.“
„Gib es her!“
Breit grinsend hebt er es über seinen Kopf. Ich komm nicht ran.
„Milan!“
„Du hast Tagebuch geschrieben?“
„Das geht dich gar nichts an!“
„Ein Tagebuch?“, fragt Raxia verwirrt, nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hat. „Was ist das?“
„Ein Buch, in dem kleine Mädchen ihren Liebeskummer für die Ewigkeit festhalten“, scherzt Milan. „Passt zu dir Mio.“
„Du bist gemein!“
„Findest du?“ Er grinst und gibt mir ohne Umschweife das Buch zurück. Verwirrt sehe ich ihn an.
„Versteck es vor der Spannerin.“
„Spannerin?!“, keift Raxia empört und ballt die Fäuste. Milan lacht.
„Ich geh ’ne Runde mit Wuff und hau mich dann auf die Couch.“ Damit ist er weg. Fassungslos sehe ich ihm nach und halte das Buch umklammert, bis Raxia die Stille bricht.
„Du hättest mir sagen können, was das ist“, meint sie beleidigt.
„Ich muss dir nicht alles sagen. Außerdem ist das peinlich“, knurre ich.
„Wieso?“
„Weil Jungs sowas eigentlich nicht machen. Ich habe es die ganzen Jahre vor Papa geheim gehalten. Er hat es bis zu seinem Tod nicht gewusst, dass ich so etwas unmännliches getan habe.“
„Unmännlich? Was ist denn so schlimm daran, seine Gedanken aufzuschreiben? Oder denken Männer nicht?“ Sie grinst gehässig, aber ich gehe nicht darauf ein. Schweigend haftet mein Blick auf dem alten Buch.
Als ich es damals kaufte, lebten meine Eltern noch. Ich hatte eine Familie und plagte mich mit ganz normalen Problemen. Niemals hätte ich geahnt, dass ich bereits zwei Jahre nach dem ersten Eintrag sterben würde, um mein Schicksal zu erfüllen. Es ist echt verrückt.
Plötzlich fühle ich wieder Raxias Hand auf meiner Schulter. Diesmal erschrecke ich mich nicht. Sie lehnt ihren Kopf an mich und seufzt. Ihre Arme gleiten über mich und berühren sich vor meiner Brust. Ihre Finger machen keinerlei Anstalten, mir das Tagebuch wegnehmen zu wollen.
„Für mich bist du der stärkste Mann von allen“, sagt sie.
„Erzähl mal noch so einen.“
Sie kichert und drückt mir einen zaghaften Kuss auf die Wange. Danach lässt sie von mir ab und lächelt in mein rotes Gesicht.
„Ich werde es nie lesen. Versprochen. Aber ich hör zu, wenn du mir etwas erzählen willst.“
„… danke.“
„Wozu sind Freunde denn da?“ Sie streckt mir ihre Hand entgegen. Ich lächle erleichtert, werfe mein altes Tagebuch auf das zerwühlte Bett, und greife zu.
„Jetzt kochst du uns was Leckeres zum Abendbrot, Mio.“
„Grießbrei.“
„Oh nein, nicht schon wieder!“

Boyslove – empfohlen ab 16
Leon Noel arbeitet neben dem Studium als Callboy, um die leere Studentenkasse aufzufüllen. Er ist ein offener Mensch, der sein eigenes Leben lebt, jedoch zunehmend spürt, dass ihm irgendetwas fehlt. Kann ihm sein Kommilitone Enrico die Antwort liefern?

Prolog

Ich stehe vor der verschlossenen Tür und atme tief durch. Meine Hände sind schwitzig. Ich bin ziemlich nervös. Ist das erste Mal, dass ich soweit gehe. Bisher hab ichs nur vor der Webcam gemacht. Aber was solls. Augen zu und durch.
Ding-Dong – die Klingel. Ich schlucke stark, als die Haustür geöffnet wird.
„Hi, ich bin Leon“, stelle ich mich mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen vor.
„Es freut mich“, sagt Uwe und bittet mich in sein Haus. Mir kommt ein ekliger Geruch nach benutzter Katzentoilette entgegen. Außerdem ist es viel zu warm und die Einrichtung ist altmodisch.
‚Ich hab auch immer was zu meckern …‘
„Da hinten ist mein Zimmer“, erklärt Uwe und quetscht sich an mir vorbei durch den engen Flur. Ich folge und halte nach der Katze Ausschau, die den penetranten Geruch verursacht hat. Nix zu sehen.
‚Auf was hab ich mich hier nur eingelassen?‘
Er führt mich in sein Zimmer. Im Chat erwähnte er bereits, dass er Mitte Dreißig ist und noch bei seiner Mutter wohnt. Sie sei aber heute nicht zu Hause, weshalb einem gemeinsamen Treffen nichts im Wege stand. Da Uwe überhaupt nicht mein Typ ist und ich annahm, so besser an ihm „üben“ zu können, willigte ich ein.
„Darf-darf ich dich gleich bezahlen?“, fragt er nervös und fährt sich durch die dunklen, schütteren Haare.
„Ja, bitte“, sage ich freundlich.
Er drückt mir den Hunderter in die Hand. So schnell hab ich noch nie so viel Geld verdient. Das tröstet über den seltsamen Kerl und die eklige Umgebung hinweg. Außerdem motiviert es mich, mein Bestes zu geben. Getreu dem Motto: Der Kunde ist König.
Meine Nervosität verschwindet. Ich gewöhne mich an den Gedanken, es mir heute mal nicht vor Publikum selbst zu machen, sondern mich von Uwe verwöhnen zu lassen. Verführerisch lächle ich ihn an. Das hab ich echt drauf. So viel Eigenlob muss sein. Seit ich mit fünfzehn akzeptiert hab, auf Männer zu stehen, habe ich meine Flirttechnik trainiert. Ich achte auf meinen Körper und pflege mein Äußeres, um auf dem „Markt“ beliebt zu sein. Mit meinen mittlerweile achtzehn Jahren betreibe ich einen eigenen Gay-Webcam-Channel, für den meine Kunden mir monatlich Geld überweisen. Keine schlechte Sache, aber irgendwie wird es auf Dauer langweilig, sich immer nur selbst anzufassen. Ich wollte was Neues ausprobieren und mache jetzt einen auf Callboy.
Mein Versuchsobjekt hat bereits einen Ständer, obwohl ich einfach nur mit ihm in einem Raum bin. Das geht runter wie Öl. Sofort bin ich bestrebt, ihm ordentlich was für sein Geld zu bieten. Über seine Vorlieben haben wir bereits im Chat geschrieben. Ich weiß, dass er gern rumkommandiert wird. Kann er haben. Ich kann nicht nur die süße und unschuldige Masche.
„Dann fangen wir an, bevor die Stunde um ist“, lege ich fest und öffne provokant meine Jeans. Sie gleitet an meinen Beinen hinab. Just hängt Uwes Blick an der Beule in meiner Unterhose.
„Blas mir einen“, verlange ich keck. Uwe fängt an zu schwitzen und ist im Nu vor mir auf seinen Knien.
‚Der schönste Job der Welt …‘

Kapitel 1

Im „echten Leben“ heiße ich Leon Noel Weber, bin achtzehn Jahre alt und studiere Medienmanagement. Über mein Studium bin ich auch auf die Idee gekommen, meinen eigenen Gay-Webcam-Service anzubieten, um meinen leeren Geldbeutel aufzufüllen. Andere Nebenjobs finde ich langweilig. Natürlich versuche ich zu verhindern, dass meine Kommilitonen von meinem Nebengewerbe erfahren. Nicht alle sind so aufgeschlossen wie ich, was Sex angeht. Ich hab keine Lust, wie zu Schulzeiten gemobbt zu werden, nur weil ich auf Jungs stehe.
Einen Freund habe ich nicht. Ich bin gern Single und lebe mein eigenes Leben. Ich bin sofort mit achtzehn von zu Hause in die Großstadt gezogen. Meine Eltern haben das nicht bedauert. Im Dorf war ich „der schwule Junge der Webers“. Ich war das Gespött der Nachbarschaft und vor allem mein Vater hat ein sehr großes Problem mit meiner Homosexualität. Ich glaube, würde er wissen, mit was ich mein Geld verdiene, würde er sich erschießen.
Ich habe noch einen jüngeren Bruder, der nicht schwul ist. Fynn Luca. Er ist sechzehn und der einzige, mit dem ich noch aus meiner Familie intensiven Kontakt pflege. Ihm ist es egal, mit wem ich ficke. Er weiß auch von der Website. Wir treffen uns an den Wochenenden, um Party zu machen, bin ich nicht im Schwulenviertel unterwegs.
Uwe war mein erster Kunde, den ich im „echten“ Leben getroffen habe. Der Sex mit ihm war nicht sehr toll. Er ging recht schnell und ich habe mich danach seltsam gefühlt. Auch die drei anderen Männer, mit denen ich mich die Woche darauf an unterschiedlichen Tagen traf, verschafften mir ein komisches Gefühl. Ich weiß jedoch nicht, wie ich es einordnen soll. Mir gefällt es sehr, das Objekt der Begierde zu sein. Ich liebe Sex und will es auch mit vielen verschiedenen Männern treiben. Doch irgendwie fehlt dabei das gewisse Etwas. Ich hab mir den Kick mit wildfremden gegen Bezahlung zu vögeln größer vorgestellt. Vielleicht bin ich aber auch einfach bereits zu sehr abgestumpft.
Darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken. Ich bin mit Fynn verabredet. Er will mir seine neue Freundin vorstellen. Sie ist recht hübsch, aber macht einen langweiligen Eindruck. Im Club kommt sie kaum aus sich heraus und geht nicht einmal tanzen. In einem günstigen Moment schnappe ich mir meinen Bruder und stell ihn zur Rede.
„Verrätst du mir, warum du dich für Hanna entschieden hast?“, frage ich scheinheilig.
„Sie ist süß.“ Fynn hebt die Schultern. „Soll ja nix für immer sein.“
„Nach Abenteuer wirkt Ms. Mauerblümchen aber nicht.“
„Kann ja nicht jeder so offenherzig sein wie du, Noel.“ – Mich nennen alle nur bei meinem zweiten Vornamen, weshalb ich „Leon“ im Dienst benutze.
„Verlangt auch niemand. Ich dachte nur, du suchst dir eine, die mehr Spaß verspricht.“
„Sie ist meine erste richtige Freundin. Ich mag Hanna. Wir haben ähnliche Hobbys und sie kann echt witzig sein.“
„Na, wenn du denkst.“
„Wie sieht es bei dir aus? Hast du jemanden?“
„Ich hab viele“, grinse ich und stehle mich aus der Unterhaltung. Ich habe vorhin einen hübschen Kerl auf der Tanzfläche ausfindig gemacht, der genau mein Typ ist. Etwas älter wie ich, groß, schlank, muskulös und ein attraktives Gesicht. Ich selbst sehe ähnlich aus, bis auf mein weiches Gesicht. Ich bin eher der Typ Twink, auf den viele stehen: Süß und mit Sahne gefüllt.
Die darf der geile Kerl kosten, wenn ich Schwein hab und er keine Hete ist. Das werde ich gleich herausfinden.
Zielstrebig nähere ich mich meinem Objekt der Begierde. Ein paar Mädels scharen sich um ihn, doch er beachtet keine einzige. Vielleicht hab ich Glück. Mit einladenden Hüftbewegungen pirsche ich mich ran, bis Augenkontakt entsteht. Braune Augen – Volltreffer. Ich selbst hab blaue, aber ich stehe auf dunkle Teddybäraugen, die mich verlangend anschmachten, während ihr Besitzer es mir verschwitzt besorgt.
‚Mann, ich bin heute aber sowas von geil.‘
Ich tanz mit dem Kerl und präge mir seine Moves gut ein. Sie sehen vielversprechend aus. Er weiß mit seinem Traumkörper umzugehen. Daher versuch ich es und frage ihn, ob er Bock hat, nach hinten zu verschwinden. Er grinst mich an.
„Und was machen wir da?“ Seine tiefe Stimme gefällt mir.
„So dies und das.“ Ihn trifft mein anzüglicher Blick, während ich mir unauffällig über die Lippen lecke. Das gefällt den meisten – mein süßes Gesicht verrucht und verdorben.
„Hm, nur wir beide?“ Er schaut über mich hinweg. Ich folge seinem Blick und erkenne Fynn neben Hanna an der Bar. Sie unterhalten sich. Der sexy Typ hat wohl auch ein Auge auf meinen Bruder geworfen – oder Hanna?
„Willst du es nicht erstmal mit mir versuchen?“, biete ich an und berühre gezielt seine Brust. Ich umfahre seine Nippel auf dem Stoff und sehe unschuldig zu ihm auf. „Ich kann ziemlich fordernd sein.“
„Ich hab aber keinen Bock, für dich zu bezahlen.“
„Oh, mein Ruf ist mir wohl vorausgeeilt.“ – ‚Scheiße. Jetzt bloß nicht verunsichern lassen.‘
Ich lächle ihn an. „Keine Sorge, ich bin heute privat unterwegs.“
„Du bist aber keine Trophäe. Dein Loch kriegt jeder, der dafür blecht. Ich find den Jungen dahinten besser. Der ist noch nicht ausgeleiert.“
‚Was für ein Arschloch!‘ Wütend lasse ich von ihm ab. „Selber schuld, wenn du dir die einmalige Gelegenheit entgehen lässt.“
„Pff, von wegen einmalig.“ Unbeeindruckt dreht er sich weg und tanzt mit jemand anderem. Ich verzieh mich.
Das ist die Schattenseite an meinem Nebenjob. „Leon“ besteht aus einem hübschen Gesicht und einem geilen Körper. Er ist eine Ware, kein richtiger Mensch. Ich bin mir darüber seit Anfang an im Klaren und bilde mir nicht ein, von meinen Fans um meinetwillen geliebt zu werden. Trotzdem ist es jedes Mal beschissen, so direkt niedergemacht zu werden. Auch wenn ich mich verkaufe, bin ich trotzdem kein Müll. Ich lass mich nur lieber flachlegen, als Regale im Supermarkt aufzufüllen.
Aber das tröstet mich jetzt auch nicht. Ich will nach Hause und verabschiede mich von meinem Bruder und seiner langweiligen Freundin.

Kapitel 2

Mit Vierzehn verknallte ich mich in meinen besten Freund. Wir kannten uns seit der Grundschule und waren unzertrennlich. Als ich merkte, dass sich meine Gefühle für ihn veränderten und ich mir immer wieder sein Gesicht vor Augen rief, während ich masturbierte, bekam ich Angst.
Ich glaube nicht, dass irgendein Junge gern akzeptiert, dass er anders ist. Ich für meinen Teil verabscheute meine Neigung zu Beginn. Ich ignorierte sie und versuchte mein gutes Aussehen einzusetzen, um mir irgendein Mädel zu angeln, das meine Ängste zerstreute. Ich fand auch eins: Laura. Sie ging in meine Parallelklasse und war wohl schon seit ner Weile in mich verknallt. Ich machte mit ihr rum, küsste sie, streichelte ihren Busen – Langeweile pur. Ich konnte nichts mit ihrem weiblichen Körper anfangen. Er reizte mich überhaupt nicht. Ihr siebzehnjähriger Bruder David dagegen weckte schon eher mein Interesse. Ich ignorierte das am Anfang und übersah die Blicke, die er mir zuwarf, war ich bei Laura zuhause. Doch dann kam Lauras Fünfzehnter Geburtstag. Wir feierten zusammen und betranken uns das erste Mal. Sie schlief schnell ein. Ich wollte gehen, als mich David aufhielt. Unsere Blicke trafen sich. Er packte und küsste mich. Noch nie erlebte ich solche Gefühle. Ich folgte ihm in sein Bett. Er zog mich aus und lutschte an mir. Ich kam sofort. Ich kann mich noch gut an sein Gesicht erinnern, in dem mein Zeug klebte. Das war so geil. Ich hätte gleich ein zweites Mal abspritzen können.
Danach vögelten wir. David nahm mich hart ran. Es tat weh. Für einen Moment verging mir die Lust. Ich hatte Schiss, aber als ich sein erregtes Gesicht sah, verflogen alle Sorgen. Ich spürte Stolz, weil mein Körper ihm diese Gefühle bereitete.
Seit dem Tag traf ich mich nur noch mit Laura, um mit David heimlich rumzumachen. Wir schliefen aber kein zweites Mal zusammen. Ich wollte mich nicht in ihn verlieben, denn mein Herz gehörte meinem besten Freund. Damit setzte ich alles auf eine Karte. Meine Homosexualität leugnen funktionierte nicht mehr. Nach der Nacht mit David war mir klar, dass ich ne Schwuchtel bin. Doch ich wollte keine sein, die leichtfertig für jeden die Beine breit machte.
Ich gestand Moritz meine Gefühle, als ich ihn bei der nächstbesten Gelegenheit küsste. Ich war sehr nervös und hatte Schiss, schließlich bedeutete er mir alles. Doch mein mutiger Vorstoß ging nach hinten los. Moritz ekelte sich vor mir. Er verpasste mir ein Veilchen und wollte nichts mehr mit mir zu tun haben.
„Mit ner Schwulette will ich nicht befreundet sein! Komm wieder, wenn du normal bist, Noel!“, sagte er.
Für mich brach ’ne Welt zusammen. Ich litt wochenlang unter Liebeskummer und grenzte mich von allen ab. Meine Eltern machten sich Sorgen und in einem schwachen Moment vertraute ich mich ihnen an. Ich gab zu, mich in Moritz verliebt und von ihm einen Korb kassiert zu haben. Das war Fehler Nummer Zwei. Mein Vater rastete aus und Mama heulte, weil sie von mir keine Enkel bekommen würde. Zur Strafe schickten sie mich mit Hausarrest aufs Zimmer und meldeten mich beim Psychologen an.
„Unser Sohn kann nicht schwul sein. Das liegt überhaupt nicht in der Familie. Wir sind doch alle normal.“
Wie gesagt, ich bin auf dem Dorf groß geworden. Hier herrschen andere Regeln, als wie in der anonymen Großstadt. Meine Familie ist gutbürgerlich und ich bin das erste schwarze Schaf seit meinem Ur-Ur-Großvater, der wegen einem Mord an einer Prostituierten inhaftiert wurde. Schwulsein war für meine Eltern also genauso schlimm, wie ein Mörder zu sein.
Mit fünfzehn schwur ich mir, mein Elternhaus mit achtzehn zu verlassen, um frei leben zu können. Bis dahin wollte ich mich meiner Familie zuliebe zusammenreißen und mimte den Ex-Homo, der aus pubertären Gründen sexuell ins Schwanken geraten war. Meine Eltern gaben Ruhe, ich ersparte mir die peinlichen Psychologen-Gespräche und alles war beim Alten.
Zumindest fast. Natürlich bekamen meine Klassenkameraden mit, dass Moritz und ich uns gestritten hatten. Sie waren neugierig. Auch typisch Dorf: Privatleben kannste vergessen. Moritz war aber fair. Er verpetzte mich nicht, wofür ich ihm wirklich dankbar war. Dafür würgte mir David eine rein. Es kotzte ihn an, dass ich nicht mehr mit ihm ins Bett ging. In seiner Wut erzählte er in der Schule herum, ich hätte ihn angemacht. Das Gerücht verbreitete sich rasend schnell und ehe ich mich versah, war ich offiziell der „schwule Weber-Junge“. Es hatte keinen Sinn, irgendetwas abzustreiten. Meine Eltern versuchten es zwar, aber wie heißt es so schön? Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.
Ich war Gespött Nummer Eins und damit auch meine gesamte Familie. Auch mein Bruder Fynn wurde in seiner Klasse dumm angemacht. Ich verprügelte die Typen, die ihn beleidigten. Er hatte danach Ruhe und ich eine schriftliche Verwarnung vom Direktor. Offenbar war es in Ordnung, andere zu mobben, denn weder die Typen aus Fynns Klasse, noch die aus meiner, erhielten eine Strafe für die tagtäglichen Beleidigungen, die wir uns anhören durften.
Ich hasste mein Dorf immer mehr. Ich fieberte meinem achtzehnten Geburtstag und meinem Schulabschluss entgegen. Als ich mein Abi mit 1,6er Durchschnitt endlich in der Tasche hatte, suchte ich mir ’ne Wohnung in der Nähe meiner Uni und packte die Koffer.
„Wie willst du das bezahlen? Bleib doch zu Hause. Du bist noch viel zu jung zum Ausziehen.“
„Von uns kriegst du kein Geld, um es in der Stadt zu verschleudern! Lern lieber einen ordentlichen Beruf!“
Mama war besorgt und Papa enttäuscht. Den beiden war klar, dass ich mich nicht auf ewig verstellen konnte. Sie mussten einsehen, dass ich „nicht normal“ war. Aber sie wollten es nicht. In ihren Augen „spiele ich schwul, weil es gerade modern ist“.
„Du bist so egoistisch, Noel! Denk doch mal an deinen Bruder! Fynni wird so oft wegen dir in der Schule geärgert. Auch die Nachbarn gucken komisch. Alle im Dorf reden über dich und machen sich über unsere Familie lustig. Selbst Papas Geschäft läuft sehr schlecht, seit du mit dem Jungen von den Bertels etwas hattest.“
Die Leier war immer dieselbe. Ich bin böse und alle anderen die Opfer. Das hielt ich keinen Tag länger aus. Ich suchte mir ’ne billige Wohnung, nahm mir vor, meinen Bachelor mit 1er Durchschnitt zu bestehen, und kehrte meinem spießbürgerlichen Elternhaus den Rücken.

Kapitel 3

Seit ein paar Wochen ist ein neuer Student in mein Semester gewechselt. Er ist genau mein Typ, obwohl er sehr zurückhaltend ist. Eigentlich stehe ich nicht auf Mauerblümchen. Aber der Kerl hat es mir angetan. Vielleicht ist es sein eiskalter Blick, mit dem er mich zu durchbohren scheint, dränge ich mich in sein Sichtfeld. Er weckt den Masochisten in mir. Jedoch sind wir Kommilitonen. Ich möchte meinen „normalen Ruf“ an der Uni nicht aufs Spiel setzen. Deswegen habe ich ihn bisher noch nicht angesprochen. Um ehrlich zu sein, kenne ich nicht mal seinen Namen. Es wird mir also leichtfallen, ihn schnell aus meinem Kopf zu bekommen. Da draußen gibt’s noch andere heiße Typen.
Dennoch denke ich an ihn, während ich mir bei der heutigen Sendung einen runterhole. Ich stelle mir sein Gesicht vor, fühle seine Hände auf meinem Körper – er weiß genau, was er will. Ich werde zu Wachs …
Heute bekomme ich besonders viel Trinkgeld. Scheinbar habe ich ’ne gute Show geliefert. Umso besser. Die Miete wird fällig. Ich kann jeden Cent gebrauchen.

Die Wochen vergehen. Ich etabliere mich immer fester in der Callboy-Szene und habe einen umfangreichen Kundenstamm aufgebaut, der mir mein monatliches Einkommen sichert. Meinen Gay-Channel betreibe ich nur noch nebenbei. Eigentlich ein Grund zur Freude, bin ich damit all meine Geldsorgen los. Aber ich habe wie immer etwas zu meckern: Der bedeutungslose Sex langweilt mich zunehmend. Um das zu ändern, verabrede ich mich mit einem Kollegen. Wir treffen uns im Café beim Kaufhaus in der Stadt.
Sascha ist ein schöner Mann mit langen braunen Haaren und einem leichten Bart. Er wirkt sehr beeindruckend, steht man ihm gegenüber. Ich bin fasziniert über seine Ausstrahlung und empfinde Minderwertigkeitskomplexe. Ich lächle sie weg und schlucke die Nervosität herunter.
„Dann erzähl mal von deinem Werdegang“, fordert Sascha. „Du bist ja noch recht jung.“
„Viel gibt es nicht zu sagen. Ich bin Student und brauch die Kohle. Bisher hatte ich auch immer Spaß bei der Arbeit, aber irgendwie öden mich alle Typen nur noch an.“
„Das kenne ich“, grinst er. „Das nennt sich Routine. Ist normal, dass dich der Job abstumpft.“
„Kann ich was dagegen tun?“
„Viagra.“
„Nehm ich manchmal. Aber das ist keine Dauerlösung.“
„Mach dir heiße Gedanken. Such dir Tops und lass dich von ihnen verwöhnen. Ich mag solche Jobs am meisten.“
„Das mach ich alles bereits. Poppers, Sextoys, Fetisch – ich bin echt nicht prüde, aber die Langeweile lässt sich nicht verleugnen. Ich dachte, es gibt irgendeinen Geheimtrick, um motiviert zu bleiben.“
„Da muss ich dich enttäuschen. Wenn du dich nicht selber in deinen Gedanken aufgeilst, wirst du wohl nicht mehr lange in der Branche tätig sein.“
„Das sind aber keine guten Aussichten“, lache ich, um über meinen Ärger hinwegzutäuschen.
„Mach dir nicht so einen Druck. Solange sich die Kunden nicht beschweren, sind sie mit dir zufrieden. Vielleicht schaffst du es, dass sich paar von denen in dich verlieben.“
„Die wollen doch nur meinen Körper.“
„Den können sie auch lieben“, zwinkert Sascha.
Wir unterhalten uns noch ein bisschen, bis ich mich verabschiede – nicht wirklich schlauer.

Mein Problem bleibt bestehen. Ich verliere mich immer mehr in der Langeweile und erlebe es häufiger, kein „Stehvermögen“ mehr zu haben. Deshalb beschließe ich, eine Pause einzulegen. Ich habe Semesterferien und fahre seit langer Zeit nach Hause.
Die Begrüßung seitens meiner Eltern fällt kühl aus. Sie stellen weder Fragen zu meinem Studium, noch zu meinem Privatleben. Der Trotz steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Das verletzt, schließlich gebe ich mir wirklich Mühe beim Studium.
„Du könntest öfter etwas von dir hören lassen“, ist das einzige, was sie mir sagen.
‚Warum?‘, frage ich mich. ‚Die wollen es doch gar nicht hören.‘
Niedergeschlagen klopfe ich an Fynnis Tür. Hanna ist bei ihm zu Besuch. Dementsprechend lang dauert es, bis er öffnet.
„Noel, du bist ja schon da.“ Glücklich umarmt er mich. „Hab dich gar nicht kommen hören.“
„Ninja“, grinse ich und bringe meinen Bruder zum Lachen.
„Unternehmen wir heute was? Zur Feier deiner Rückkehr?“
„Ich bleib nicht lang“, seufze ich.
„Hä? Ich dachte, du hast Semesterferien?“
„Hab ich auch, aber die verbringe ich nicht in dieser ungastfreundlichen Umgebung.“
„Haben Mama und Papa dich wieder dumm angemacht?“
„Du kennst sie. Vielleicht haben sie Angst, ich könnte meine Homo-Bakterien verteilen und ihre einzige Hoffnung auf ein Enkel infizieren.“
„Unsinn“, knurrt Fynn. „Du interpretierst da zu viel rein.“
„Sei es drum. Gehen wir heut Abend aus? Danach fahr ich zurück in meine Wohnung. Meinen Anstandsbesuch habe ich für dieses Jahr hinter mir.“

So geschieht es: Gemeinsam fahren wir in ’ne Disco in der Stadt und machen einen drauf. Hanna kommt diesmal sogar etwas aus sich heraus. Ich unterhalte mich mit ihr und darf feststellen, dass sie tatsächlich sympathisch ist.
„Warum warst du letztens so schüchtern?“, frage ich.
„Ich-ich brauch erst bisschen Zeit“, erwidert sie ertappt und weicht beschämt meinem Blick aus. Ich grinse breit und proste ihr zu.
„Ich bin der letzte, der über wen urteilt“, grinse ich. „Willkommen in der Familie.“
„Danke.“
Fynni lächelt glücklich und wir verbringen einen angenehmen Abend zusammen.
Als wir nach Mitternacht den Heimweg anstreben, begegne ich dem hübschen Typen aus der Uni. Er rempelt mich am Ausgang ausversehen an und entschuldigt sich sofort.
„Dich kenn ich doch“, schlussfolgert er.
„Kann sein.“ – ‚Ich hoffe er meint aus der Uni und nicht aus dem Internet.‘
„Du sitzt doch hinter mir – Noel, richtig?“
„Du weißt, wie ich heiße?“ – ‚Jetzt bin ich aber baff.‘
„Klar. Du bist ziemlich schlau. Das find ich beeindruckend.“ Sein Blick huscht zu Fynn und Hanna, die auf mich warten. „Oh, ich will dich nicht aufhalten.“
„Schon ok. Wir haben uns bereits verabschiedet.“
„Jaja, schon klar“, seufzt Fynn und hebt die Hand. „Bis bald, Bruderherz.“
„Kommt gut nach Hause.“
Sie gehen. Ich begleite den hübschen Typen noch auf ein Bier in die Disco.
„Hier kann man sich schlecht unterhalten“, ruft er mir zu und wird von der lauten Musik beinahe übertönt.
„Wir können gern woanders hingehen.“
„Ja, gute Idee. Ich werd sonst noch heiser.“
„Ok. Aufs Klo oder lieber draußen?“
„Häh? Musst du nochmal? Ich kann draußen warten.“
„Äh, schon gut.“ – ‚Das hat er jetzt nicht begriffen. Was soll’s. Ich hab eh keinen Bock auf Sex. Die Frage kam ganz automatisch.‘

Wir ziehen durch die Straßen und unterhalten uns. Es ist eine angenehme Nacht mit milden Temperaturen. Ich genieße seine Gegenwart, doch habe die Gelegenheit verpasst, ihn nach seinem Namen zu fragen. Jetzt ist es mir zu peinlich.
„Ich find’s jedenfalls krass, dass du immer so schlaue Antworten geben kannst. Wie machst du das?“
„Übertreib mal nicht“, winke ich beschämt ab.
„Du musst doch die ganze Woche über in Büchern hängen, oder?“
„Äh, nein. Ich bin kein Streber.“
Doch, ich bin einer. Aber nur, weil ich es meinen Eltern unbedingt beweisen will, auch ohne sie zurechtzukommen.
„Deine Familie muss echt ungeheuer stolz auf dich sein.“
„Naja.“
„An Dates mangelt es dir bestimmt auch nicht. Die Mädels aus unserem Semester himmeln dich ständig an.“
‚Mann, der verehrt mich wie nen Popstar. Er scheint noch nicht herausgefunden zu haben, wie ich mein Geld verdiene.‘
„Noel, wollen wir vielleicht Freunde sein? Ich weiß, dass klingt voll nach Kindergarten, aber ich kann dich echt gut leiden.“
„O-Okay“, erwidere ich überrascht.
„Sehr schön. Los, speichern wir unsere Nummern.“
„Du zuerst.“ Rasch gebe ich ihm mein Handy und schmule beim Tippen über seine Schulter.
‚Ah, Enrico Feldmar heißt er. Endlich kenne ich auch seinen Namen.‘

Kapitel 4

Ich verbringe meine kompletten Semesterferien mit Rico. Wir verstehen uns super. Er ist ein toller Kerl mit wertvollem Charakter, der zudem noch genau mein Typ ist. Davon hat er aber keine Ahnung. Rico schnallt nicht, dass ich schwul bin. Ich reibe es ihm auch nicht unter die Nase. Irgendwie hab ich Schiss, dass er dann nix mehr mit mir zu tun haben will. Ich denke nur an meinen besten Freund aus Schulzeiten zurück.
„Jetzt haben wir nur noch das Wochenende, dann geht es wieder los“, seufzt Rico und lehnt sich gegen sein Auto. Wir waren heute wandern und beobachten vor der Heimfahrt den Sonnenuntergang.
„Doch nur bis zum Winter, dann ist wieder frei.“
„Trotzdem.“
„Wir können uns ja zusammensetzen, wenn du willst“, schlage ich selbstsüchtig vor.
„Ich weiß nicht, ob das ’ne gute Idee ist.“
„Du gibst mir nen Korb?“ – ‚Damit hab ich nicht gerechnet. Verdammt.‘
Rico wirkt nervös.
„Ich wollts dir eigentlich nicht sagen …“
Angst breitet sich in mir aus. ‚Hat er es rausgefunden?‘
Mich trifft sein ernster Blick.
„Ich – ich mag dich, Noel. Mehr, als du es dir vorstellen kannst.“
‚Häh?! Jetzt versteh ich die Welt nicht mehr.‘
„Wirklich?“
Rico nickt beschämt. „Ist ok, wenn du nicht mehr mit mir befreundet sein willst. Ich dachte erst, ich bilde mir die Gefühle nur ein, schließlich sind wir beide Kerle. Aber ich kann nicht damit aufhören. Deswegen ist es keine gute Idee, würden wir uns auch in der Uni zusammen sehen lassen. Ich würde nur deinen guten Ruf beschmutzen.“
Schweigend stelle ich mich ihm gegenüber und küsse ihn. Er ist ebenso überrascht wie ich über die Wendung unserer Freundschaft.
„Du darfst mich beschmutzen“, flüstere ich ihm ins Ohr und öffne schon seine Hose. Ich hab seit langem mal wieder richtig Bock auf Sex. Ricos unerwartetes Liebesgeständnis während dem romantischen Sonnenuntergang hat mich motiviert.
Wir fallen übereinander her und treiben es in seinem Auto. Danach setzen wir uns auf die Motorhaube und kuscheln, während wir den Sternenhimmel beobachten. Das gefällt mir bald noch besser, als der Sex.
„Ich hatte keine Ahnung“, seufzt Rico. „Hätte ich gewusst, dass du wie ich empfindest, hätte ich es dir schon viel früher gesagt.“
„Ging mir auch so. Ich hielt dich für hetero.“
„Bin ich eigentlich auch. Du bist der erste Typ, in den ich mich verliebt habe.“
„Du bist in mich verliebt?“ Verwirrt sehe ich ihn an.
„Ja, hab ich doch gesagt. Sonst hätte ich nicht mit dir geschlafen.“
‚Ach, du Kacke. Ich dachte, er findet mich nur geil, aber gleich von Liebe zu sprechen … Was mach ich denn jetzt? Bei meiner Vergangenheit kann ich niemals mit einem so aufrichtigen Kerl wie ihm zusammen sein. Wenn er erfährt, dass ich ein Callboy bin, wird es ihn verletzen.‘
„Ähm … versteh das jetzt nicht falsch, aber ich … ich suche keine feste Beziehung.“
„Was? Du spinnst doch.“
„N-Nein, Rico. Ich, ich mag dich – wirklich. Wir können auch gern wieder zusammen ins Bett gehen. Aber mehr -“
Das genügt ihm. Stinksauer schiebt er mich weg und rutscht von der Motorhaube. Ich seufze.
„Tut mir leid“, sage ich und stelle mich auf einen einsamen Heimweg durch die Nacht ein. Aber so schlimm wird es nicht. Rico ist so fair und fährt mich bis zum Bahnhof. Danach trennen sich unsere Wege.

Kapitel 5

Rico hält Wort und beachtet mich in der Uni nicht. Auch in unserer Freizeit haben wir keinen Kontakt mehr. Wir sind wie Fremde. Das nervt. Ich vermisse ihn. Es vergeht kein Tag, an dem ich ihm keine sehnsüchtigen Blicke zuwerfe und mich nach seinen zärtlichen Umarmungen sehne.

Mit Semesterbeginn ist auch mein Urlaub vorbei. Ich habe wieder jeden Tag Sex und er ist so stinklangweilig wie noch niemals zuvor. Kein Vergleich zu dem mit Rico. Ein weiterer Grund, weshalb ich irgendwann meiner Sehnsucht nicht mehr standhalte und ihn in der Uni anspreche.
„Ich will mit dir reden“, sage ich entschlossen und dulde keine Widerworte. Er ist nicht glücklich, aber lehnt mich nicht ab. Wir verziehen uns in die Bibliothek. Rico sucht ein Buch über Marketing.
„Ich möchte wieder mit dir befreundet sein.“
„Das geht nicht.“
„Warum denn? Wir haben uns so gut verstanden.“
„Pscht. Das ist eine Bibliothek.“
„… wir hatten so tollen Sex. Ich will es wieder mit dir tun, Rico.“ Forsch berühre ich seine Brust. Er schlägt meine Hand weg.
„Ich bin kein Fan von One-Night-Stands. Du willst keine Beziehung, also willst du mich nicht. Wir können unter den Umständen keine Freunde sein.“
„Ich will dich doch.“
„ICH bin mehr als nur mein Schwanz, Noel.“
Seine Worte gehen mir lange nicht aus dem Kopf. Im Prinzip sind es meine eigenen. Nur ist Rico intelligenter und hat, bevor er sich selbst zur Ware gemacht hat, begriffen, dass Sex ohne Liebe nichts wert ist. Für mich ist es zu spät. Ich gebe es ab dem Tag auf, ihn zurückzuerobern. Unsere Wege bleiben getrennt.

Kapitel 6

Heute ist Party angesagt. Ich bin mit Fynn und Hanna in einem Club unterwegs und trinke zu viel. Die Stimmung ist ausgelassen, bis ich Rico auf der Tanzfläche mit einer Frau ausfindig mache. Mir verschlägt es die Sprache. Er hält sie im Arm und sie flüstert ihm was ins Ohr. Ihre Finger fummeln an seinem Hemdkragen herum. Die Szene ist eindeutig. Rico scheint zurück ans andere Ufer geschwommen zu sein. Meine Laune ist im Keller. Der Alkohol in meinem Blut begünstigt meine Wut. Ich muss jemanden anschreien. Mein Bruder wird das Opfer. Aus dem Nichts blaffe ich ihn an und beleidige ihn, um mich danach zu verziehen. Ich benehme mich absolut daneben, aber mir ist gerade nach Sterben zu mute. Was ist nur los mit mir?
Vor dem Club spricht mich ein fremder Mann an. Er erkennt mich und wird aufdringlich.
„Zisch ab!“, schnauze ich ihn an. „Ich hab heut frei.“
„Los, sei nicht so. Ich hab Bock. Ich zahl dir auch was extra.“
„Nein!“ Ich stoße ihn weg und fange mir als Antwort einen Faustschlag ins Gesicht. In meinem Kopf klingelts und ich halte mir die schmerzende Stelle.
„Aua! Du Arschloch! Geht’s noch?!“
Er packt mich am Kragen und wirft mich zu Boden. Wir befinden uns an der Nebenstraße vor dem Club und sind allein. Niemand da, der mir helfen könnte.
„Scheiß Schwuchtel!“, schreit der Typ, während er mich tritt. „Hältst dich für was Besseres!“
Ich schirme meinen Kopf mit den Armen vor seinen Tritten ab und bete, dass die Schmerzen bald vorbei sind und er mich nicht umbringt.
„Hey, hör auf!“
Jemand zerrt den Schläger von mir weg. Ich höre einen kurzen Kampf, dann verzieht sich der aggressive Kerl. Benommen sehe ich auf. Mir tut alles weh. Auf einmal dreht sich mein Magen um und ich muss kotzen.
„Scheiße, was wollte der von dir, Noel?“
„Rico?“
„Soll ich dich ins Krankenhaus bringen? Du bist voller Blut.“
„Passt schon“, antworte ich und wische mir über den Mund. Ich versuche aufzustehen. Mein Gleichgewicht ist futsch. Ich merke deutlich meine Fahne. Rico gibt mir halt. Wütend schlage ich ihn weg.
„Geh wieder zu deiner Freundin“, knurre ich verletzt. „Scheinbar stehst du nicht mehr auf Schwuchteln wie mich.“
„Du bist total dicht. Komm, ich bring dich nach Hause.“
„Pfoten weg! Ich brauch keine Hilfe! Ich bin schon immer bestens allein klargekommen!“
„Was ist denn hier los?“, höre ich plötzlich die Stimme meines Bruders. Er und Hanna kommen zu uns gelaufen. „Scheiße, Noel – Wieso blutest du? War das der Typ?“
Fynn ballt die Fäuste. Unser Streit ist sofort vergessen.
„Nein“, knurre ich. „Los, gehen wir nach Hause. Ich will ins Bett.“
„Du musst zu einem Arzt“, sagt Hanna.
„Ach, mir geht’s gut.“
„Nein, Noel. Los, ich bring dich ins Krankenhaus.“ Fynn legt besorgt seine Hand auf meine Schulter. Ich schlage ihn weg, wanke und finde Halt durch Rico. Er stützt mich.
„Er bringt mich nach Hause“, lalle ich.
„Der Typ, der dich verdroschen hat?“
„Ich hab ihn nicht geschlagen, sondern gerettet. Wir sind Kommilitonen“, erklärt Rico.
„Ja, und ich hab meine Meinung geändert und gehe jetzt mit ihm nach Hause.“
Mein Bruder bleibt skeptisch, aber ich ignoriere seinen Einwand. Zusammen mit Rico fahre ich zu meiner Wohnung.
„Willst du mit reinkommen?“, frage ich zögernd.
Er lehnt ab.
„Dann eben nicht.“ Beleidigt will ich durch die Tür, aber er hält mich fest. „Was ist noch?“
„Schlaf deinen Rausch aus“, seufzt er. Ich verdrehe die Augen und verschwinde in meiner Wohnung. Ich bin zu besoffen, um auf die Idee zu kommen, mich bei ihm zu bedanken. Ich schaffe es noch zu duschen, dann falle ich ins Bett.

Am nächsten Morgen wache ich mit hämmerndem Schädel auf. Mein Gesicht gleicht einer Ruine. Ich hab ein Veilchen und eine geschwollene Lippe. Dieser Wichser hat mich ordentlich erwischt. Abgenervt will ich mir eine Kopfschmerztablette einwerfen, jedoch ist die Schachtel leer.
„Toll, hättest mal neue kaufen sollen.“
Mit zerschundenem Gesicht geht’s in die Apotheke. Dort komme ich jedoch nicht an. Als ich meine Wohnungstür öffne, kippt mir Rico entgegen. Ich erschrecke mich fast zu Tode.
„Was machst du hier?!“
„Ich hab gewartet“, sagt er und reibt sich verschlafen die Augen.
„Häh?!“
„Ich hab mir Sorgen gemacht und wollte dich nicht allein lassen.“
Ich bin baff. Meine Erinnerungen sind nicht die besten. Ich weiß nicht mehr alles vom gestrigen Abend, aber Ricos Freundin ist mir nicht entfallen.
„Da wird es wohl Ärger von deiner Liebsten geben, weil du die Nacht bei mir verbracht hast.“
„Was redest du da?“
„Na, die Tussi, die du gestern im Club im Arm gehalten hast und die dir ins Ohr flüsterte.“
„Ach, die. Hast du uns gesehen?“
„Ja.“
„Hast du deswegen ’ne Schlägerei angefangen?“
„Nein“, knurre ich. „Eigentlich wollte ich es dir nicht sagen, aber da du jetzt eh ’ne Freundin hast, brauch ich die Wahrheit auch nicht mehr verschweigen. Ich arbeite als Webcam- und Callboy.“ Beschämt weiche ich Rico aus. „Ja, du hast mit einem billigen Stricher gefickt, für den nur Schwänze zählen. Absoluter Abschaum.“
„Was?“
„Du kannst abhauen!“, schreie ich und stoße ihn von mir. „Ist okay! Du bist was Besseres und willst mit mir Loser nichts zu tun haben. Danke für die Hilfe und auf nimmer Wiedersehen.“
„Was laberst du? Ich hab gewusst, als was du arbeitest.“
„Häh?!“
Plötzlich wird die Wohnungstür gegenüber aufgerissen und mein wütender Nachbar reckt seinen Kopf heraus.
„Ruhe!“, faucht er.
Ich bin zu perplex, um zu antworten. Rico entschuldigt sich und wir gehen in meine Wohnung. Fassungslos sinke ich auf meiner Couch zusammen.
„Du hast es gewusst?“
Er nickt. „Ich hab dich durch Zufall in einer Anzeige auf ner Gaysite gesehen, nachdem wir Schluss gemacht hatten.“
„Deswegen war ich wie Luft für dich.“
„Nein“, meint er ernst. „Ich will eine Beziehung, keinen bedeutungslosen Sex.“
„Er hat mir was bedeutet.“ Trotzig sehe ich ihn an und erschrecke mich selbst über meine Worte. Rico wirkt ebenfalls verdutzt. Er hebt eine Augenbraue.
„Aber du liebst mich nicht.“
„Wer weiß.“
„Einen Moment, Noel. Gestehst du mir gerade deine Liebe?“
„Nein, dafür ist es eh zu spät. Ich bin kein Romantiker und hatte auch noch nie eine Beziehung. Ich kann nur das eine, obwohl es mir mit anderen absolut keinen Spaß mehr macht, seit ich dich kennengelernt habe. Aber das ist jetzt alles egal. Du hast dir diese komische Tusse angelacht. Die passt besser zu dir, als ein Loser-Callboy wie ich. Ich hoffe, ihr werdet glücklich.“
Rico fängt plötzlich an zu lachen. Fassungslos starre ich ihn an. Er fängt sich und gibt mir unerwartet einen Kuss.
„An deiner Beobachtungsgabe musst du noch üben“, erklärt er schmunzelnd und streichelt mir nach dem Kuss über die Wange. „Diese Frau ist meine Cousine. Wenn du uns etwas genauer beobachtet hättest, wäre dir ihr Verlobter aufgefallen, der mit uns gemeinsam auf der Party gestern war.“
„Deine Cousine?“ Mir fällt ein Stein vom Herzen und ich fühle Tränen der Erleichterung. Beschämt blinzle ich sie weg. „Ich bin völlig durch den Wind. Tut mir leid.“
Er lächelt und nimmt mich in den Arm. Ich fühle seine Wärme.
„Ich konnte unsere gemeinsame Zeit auch nicht vergessen, Noel. Da ich aber davon ausgegangen bin, bei dir nie eine Chance zu haben, wollte ich den Kontakt abbrechen und von dir loskommen. Deswegen habe ich dich gemieden.“
„Das war Scheiße von dir.“
„Findest du?“ Er grinst. „Immerhin bist du deswegen eifersüchtig geworden.“
„Dann war das Absicht?“ Lachend boxe ich ihm gegen den Arm. „Wie fies.“
Wir küssen uns und ich lasse mich rückwärts auf die Couch sinken. Rico liegt auf mir. Er streichelt mir durch die Haare, während wir uns weiter küssen. Ich fühle ein wohliges Kribbeln im Bauch. Ich habe Rico vermisst. Es macht mich glücklich, wenn er bei mir ist.
„Hast du Lust auf ein Experiment?“, fragt er plötzlich.
„Was für eins?“
„Lass uns zusammen sein. Vielleicht gefällt es dir, einen Partner zu haben, von dem du mehr als nur Sex bekommst.“
„Und mein Job?“
„Hängst du an dem?“
„Nein“, lache ich. „Aber ich brauche das Geld.“
„Ich kenne da eine tolle Bar. Rein zufällig gehört sie dem Verlobten meiner Cousine. Er sucht gerade einen Kellner zur Aushilfe.“
„Vermittelst du mir gerade einen anderen Job?“
„Purer Eigennutz“, grinst Rico und zieht mir in einem Schwung die Hose aus. „Ich will dich nicht mit anderen teilen.“
„Dann bist du mir nicht mehr böse, weil ich dich belogen habe?“
„Doch, aber deine Strafe wird knallharter Bestrafungssex sein. Danach sind die Wogen geglättet.“
Ich lache und lege meinen Fuß auf die Beule in seiner Hose. „Bestraf mich und danach beginnen wir unser Experiment.“
„Sehr gern.“

Für „Liebe“ gibt es unzählige Definitionen und dennoch ist sich die Wissenschaft nicht einig, was genau unter dem Begriff zu verstehen ist und was er alles umfasst. Für mich haben sich Liebe und Sex immer voneinander unterschieden. Es hat erst den einen Menschen gebraucht, damit ich begriff, dass ich das eine ohne das andere nicht will. Aber jetzt bin ich froh, über meinen Schatten gesprungen zu sein und mich auf das Unbekannte einzulassen. Möge das Experiment beginnen.

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