Leseprobe – Band 2

– Milan –

„Stopp! Ich komm nicht mehr mit. Was hat das alles zu bedeuten? Auf was willst du hinaus?“, frage ich, aber bekomme keine Antwort, weil es in der Wohnung unter uns plötzlich kracht. Der Boden wackelt.
„Scheiße“, rufe ich erschrocken, als das Haus immer schiefer wird und wir Richtung Fensterfront rutschen.
„Was ist das?“, fragt Mio und hält sich an mir fest. Auch Neven rutscht zu uns.
„Das Haus scheint einzustürzen. Teleportier’ uns raus, Mio“, fordert er.
Keine Sekunde später befinden wir uns abseits des verlassenen Hochhauses, dass in sich zusammenkracht. Staub wirbelt auf. Die Luft verfärbt sich schwarz und es entsteht ein Höllenlärm. Der Verkehr auf den Straßen kommt zum Erliegen, da die Trümmerteile eine Weiterfahrt verhindern.
„Warum passiert das, Neven?“, frage ich.
„Wir müssen schnell-…“ – Weiter kommt er nicht. Direkt neben uns schlägt ein Energiegeschoss ein und hinterlässt einen Krater im Boden. Wir konnten knapp ausweichen und sehen unserem Feind jetzt ins Angesicht. Es ist kein Schatten, sondern ein hübsches Mädel.
„Drei Verräter“, zählt Fatums Soldatin. „Wo ist die Erste Dienerin?“
„Aurelia Faye“, keucht Neven.
„Lass uns in Ruhe!“, fordere ich wütend. „Wir haben nichts mit dir zu tun!“
„Ihr habt den Meister verraten. Ich bin hier, um euch zu richten und den Key zurückzuholen.“
Ich stelle mich vor Mio.
„Das ist meiner. Daraus wird nichts, Schnecke.“
„Stirb!“ Das Gespräch ist beendet. Aurelia schwingt ihren Schlaghammer und erschafft den nächsten Krater im Boden. Uns bleibt nur die Flucht.
x|Mio, wir müssen weg. Teleportier uns so weit weg wie möglich.|x, höre ich Nevens Stimme in meinem Kopf.
Mio antwortet ihm.
x|Ich kann nicht. Ich verbrauche zu viel Energie und bin zu erschöpft.|x
x|Du darfst nicht nur deine Kraft beim Teleportieren nutzen. Verwende auch Milans und meine, so wie es Raxia immer macht.|x
x|Ausweichen!|x
Ich reiße die beiden mit mir, damit wir nicht von Aurelias nächstem Angriff erwischt werden. Der Aufprall ihres Hammers lässt einen Hydranten platzen. Das Wasser schießt ihr ins Gesicht, sodass sie nicht sieht, wo wir uns verstecken. Geduckt bleiben wir hinter dem Müllcontainer hocken.
x|Könnt ihr sie nicht ablenken und ich greife von hinten an?|x, frage ich.
x|Das ist zu riskant. Aurelia hat eine starke Abwehr und ist gegen physische Angriffe immun, nutzt sie ihren Schlaghammer.|x
x|Wieso sind auf einmal alle immun gegen meine Angriffe? Dann baller ihr halt deine Magie rein, Neven. Mio und ich lenken sie ab.|x
x|Uns wird wohl nichts anderes übrig bleiben.|x
x|Sie darf aber nicht sterben|x, wendet Mio ein.
Ich nicke ihm zu.
x|Wir sind die Guten. Also los. |x, antworte ich.
Aurelia sieht sich mit den grünen Augen suchend nach uns um. Die Chance nutzen wir und stürzen uns auf sie, damit Neven unbemerkt seinen starken Magieangriff mit seinem Stab vorbereiten kann. Aurelia fällt auf die Taktik rein. Sie stürmt mit dem Hammer auf uns los, bis Neven ihr eine dreifache Salve in den Rücken feuert. Sie schreit auf. Ihre Waffe verschwindet und sie landet ohnmächtig mit dem Gesicht im Dreck.
‚Das ging schnell‘, denke ich erleichtert.
„Wir müssen weg. Die Rettungskräfte sind unterwegs“, erklärt Neven. Ich habe die Sirenen ebenfalls gehört. Hurtig werfe ich mir die bewusstlose Aurelia über die Schulter

Wir haben Aurelia gefesselt und sind in einem Kanal untergekommen. Nun beraten wir, wie es weitergeht.
„Wenn wir sie gehen lassen, verpetzt sie uns an die Echse“, vermute ich.
„Wenn wir sie hier lassen, verliert sie Energie und löst sich irgendwann auf“, sagt Mio.
„Nehmen wir sie mit, behindert sie uns“, erklärt Neven.
Ratlos sehen wir uns an.
„Ihr Verräter solltet euch was schämen!“, meckert Aurelia, während sie versucht, sich von den Fesseln zu befreien. „Ihr verbündet euch mit dem Feind!“
Wir ignorieren sie.
„Was machen wir, wenn sie jemand suchen kommt? Hat sie auch einen Teamkameraden, Neven?“, frage ich.
Er hebt die Schultern.
„Eigentlich nicht. Aurelia ist stark und kämpft allein. Ich weiß aber nicht, inwiefern Fatum die Trupps verändert hat, seit wir geflohen sind.“
„Mist. Was machen wir nur?“
„Ihr werdet bis in alle Ewigkeit in der Quälerei schmoren, ihr elenden Verräter!“, sagt Aurelia feindselig.
„Kannst du mal leise sein?“, knurre ich. „Wir denken nach.“
„Fatum wird über euch richten!“
„Wie nervig.“
„Und wenn wir sie laufen lassen?“, fragt Mio. „Fatum weiß, dass wir hier sind. Er hat keinen Vorteil, kehrt Aurelia zu ihm zurück.“
„Spinnst du? Wenn wir sie laufen lassen, greift sie uns zu einem anderen Zeitpunkt wieder an. Ich hab keinen Bock, wie ’ne zerquetschte Fliege an ihrem Hammer zu kleben.“
„Sei es drum“, seufzt Neven und geht zu Aurelia, um ihr die Fesseln zu öffnen.
Ich will ihn aufhalten: „Spinnst du?! Hast du nicht gehört, was ich gerade gesagt habe?“
Neven setzt sein Handeln unbeirrt fort.
„Aurelia, sag Meister Fatum, dass wir in der Menschenwelt sind und den Zweiten Key suchen. Sobald wir ihn haben, werden wir alles daran setzen, die Prophezeiung zu erfüllen.“
„Warum sollte ich euch Verräter nicht an Ort und Stelle töten?“, zischt sie und geht auf Abstand, sobald Neven die Fesseln gelockert hat.
„Deine Energie reicht nicht für einen weiteren Angriff“, erklärt er ruhig und deutet auf ihre fehlenden Füße. „Deine Angriffe verbrauchen zu viel Energie in der Menschenwelt.“
Aurelia verzieht wütend das Gesicht. Im Trotz beschwört sie ihren Hammer. Prompt werden ihre Arme und Beine transparent.
„Pass auf, Mädel, bevor du tatsächlich verschwindest“, warne ich sie. „Wir sind nicht deine Feinde. Wenn uns jemand fürchten sollte, dann die verdammten Drachen.“
Wütend sieht sie mich an und scheint zu überlegen, ob sie alles auf eine Karte setzt und für ihre Überzeugung stirbt, oder ob es klüger ist, aufzugeben. Zum Glück entscheidet sie sich für Nummer Zwei. Der Energiehammer verschwindet.
„Das werdet ihr bereuen, Verräter. Beim nächsten Mal gewinne ich.“
Sie flieht aus unserem Versteck. Wir lassen sie entkommen. Erschöpft lehne ich mich gegen die Kanalwand.
„Scheißdreck. Jetzt wird es nicht lange dauern, bis Fatum uns noch mehr Soldaten auf den Hals hetzt. Was hast du dir nur dabei gedacht, Neven?“
„Mio, erinnerst du dich an das Portal, durch welches du mit dem Phantom-Schatten gewandert bist?“, lenkt er ab.
Mio hebt nachdenklich den Blick.
„Hm… ja. Das war bei einem Felsen in einem Wald in Amerika.“
„Teleportier uns dorthin. Ich habe eine Theorie.“
„Schon wieder?“, frage ich. „Du hast uns die Letzte noch nicht mal erklärt. Jetzt reisen wir rund um den Kontinent?“
„Ich helfe dir beim Regenerieren, Mio. Anschließend bringst du uns zu diesem Felsen. Vielleicht können wir das Portal benutzen.“
„Immer diese ‚Vielleichts‘. Mann, das nervt.“
„Okay“, willigt Mio ein und ignoriert meine Nörgelei.
„Umso eher wir Raxia helfen können, desto besser“, sagt er.
„Dann leg dich hin. Ich werde dich in Regenerationsschlaf versetzen. Das kann ich nicht oft anwenden, also nutz die Zeit. In zehn Minuten solltest du fit genug sein, um uns mit deiner Technik zu teleportieren.“
Gesagt, getan. Meine Meinung wird außer Acht gelassen, aber was soll’s. Ich blicke eh nicht durch und solange die Hoffnung besteht, dass wir Raxia helfen und nicht von Fatums Soldaten ermordet werden, bin ich dabei.

Schon bald befinden wir uns vor dem gigantischen Felsen in der Nähe von New York. Ich lege fasziniert den Kopf in den Nacken und starre in die Höhe.
„Ist das Ding riesig“, staune ich. Mio und Neven suchen derweil nach dem gehörnten Schädel im Gestein.
„Da du das Portal bereits benutzt hast und der Key bist, der den Weg vorgibt, solltest du es öffnen können“, erklärt Neven seine Vermutung.
Mio sucht eifrig weiter.
„Erklärst du uns, sobald wir Raxia haben, warum wir eine so besondere Generation der Key-Seelen sind, Neven? Wir wurden vorhin unterbrochen“, erinnere ich ihn.
„Ja, ich werde es euch in Ruhe erklären. Gewöhn dich solange an das Wissen, auch eine Key-Seele in dir schlummern zu haben.“
„Daran werde ich mich nie gewöhnen.“
Mio schreckt zurück. Er hat das Symbol gefunden.
„Perfekt“, strahlt Neven, als er das Leuchten hinter dem überfrorenen Felsen erkennt. „Füll unsere Energie auf, Mio. Ich verstärke unsere Abwehr mit meiner Magie und anschließend retten wir Raxia.“
„Endlich ein Plan, den auch ich kapiere“, grinse ich und warte ungeduldig, bis wir die Schattenwelt betreten.

„Hätte nicht gedacht, dass es einen schlimmeren Ort als das Nichts gibt“, knurre ich enttäuscht. Die Schattenwelt ist finster und unheimlich. Würde ein Kettensägenmörder hinter dem nächsten kahlen Baum hervorgesprungen kommen, wäre das keine Überraschung. Echt abartig, diese Gegend.
„Lasst uns Raxia schnell finden“, sage ich.
„Ich spüre sie dort hinten“, gibt Neven zu erkennen. Mio und ich folgen, vorbei an einer Wiese mit leuchtenden Blumen, die wohl das einzig Schöne an diesem hässlichen Ort sind.
Wir erreichen eine Höhle.
„Da drin muss sie sein“, mutmaßt Neven im Flüsterton.
„Hier ist es finster“, jammert Mio. „Da lauern bestimmt Fluchschatten.“
„Die hauen wir um“, versichere ich ihm. „Wir sind zu dritt und viel stärker als früher. Beiß die Zähne zusammen.“
„J-Ja.“
Die Höhle ist ein Labyrinth. Es gibt unzählige Gänge, die sich ineinander winden und irgendwie alle gleich aussehen. Wir haben uns bald verlaufen. Die Taktik, stur Raxias Energie zu folgen, ist nicht aufgegangen.
„Was machen wir jetzt?“, frage ich Neven.
Er sieht mich nachdenklich an.
„Findet ihr es nicht auch merkwürdig, dass wir uns in der Schattenwelt befinden und noch nicht einem einzigen Bewohner über den Weg gelaufen sind?“
„Hm, jetzt wo du es sagst…“
„Wir laufen sicher direkt in eine Falle. Oder sitzen bereits drin“, sagt Neven.
„Das fällt dir nicht früher auf?!“
„Milan, pscht. Schrei nicht so rum“, zischt er.
„Verdammt“, knurre ich. „Raxia, wo bist du? Ich hab keinen Bock mehr.“
Plötzlich schreit Mio. Seine Finger krallen sich in meinen Bauch, als etwas an ihm zieht.
„Ein Fluchschatten“, ruft Neven entsetzt. Ich fahre herum und halte Mio fest. Er ist wie ein Seil in der Luft gespannt.
„Wieso haben die es immer auf dich abgesehen?“, rufe ich wütend und fordere Neven auf, den Schatten anzugreifen. Er hat schon längst sein Ziel ins Visier genommen. Der Angriff sitzt. Der Fluchschatten explodiert und wir werden tiefer in die Höhle geschleudert. Meine Ohren klingeln, als ich mich aufrapple und Mio von mir runter schiebe.
„Alles ok?“, frage ich.
„Ja“, keucht er und bedankt sich. Auf einmal höre ich ein seltsames Geräusch.
„Hört ihr das auch?“, frage ich.
Mio sieht sich ängstlich um.
„Was ist das?“
„Unser Empfangskomitee“, meint Neven und in dem Moment tauchen unzählige Fluchschatten vor uns auf. Sie zeigen ihr Gesicht. Wir blicken in gruselige Totenköpfe, die ihre Kiefer weit aufgerissen haben und nach uns schnappen. In null Komma nichts sind wir zurück auf den Beinen und rennen schreiend vor ihnen davon. Sie treiben uns ins Herz der Höhle, bis wir uns in einem gigantischen Raum befinden, dessen Ende ich nicht einsehen kann.
„Was machen wir jetzt?“, rufe ich aufgeregt, während wir rennen. Die Fluchschatten umrunden und schneiden uns den Weg ab. Wir halten an und stellen uns Rücken an Rücken.
„Haltet sie auf Abstand. Sie dürfen uns nicht zu fassen bekommen!“, erklärt Neven.
Doch gerade als wir angreifen wollen, hören wir ein tiefes Stöhnen und die Fluchschatten schrecken zurück. Sie kreischen und verpuffen zu schwarzem Nebel, der von einer kalten Luft hinweggeblasen wird. Voller Furcht sehe ich nach oben zur Höhlendecke. Aus der Richtung kam der Wind. Zwei böse leuchtende Augen starren mich an. Mein Körper erstarrt. Ich glaub, ich mach mir gleich in die Hose.
„Herzlich willkommen“, raunt Malum höchstpersönlich. Der gigantische Drache mit den schwarzen Schuppen baut sich vor uns auf. Mio sinkt auf die Knie. Neven schluckt stark und mir klappt die Kinnlade runter, als ich diesem riesigen Vieh gegenüberstehe.
Malum ist der Wahnsinn. Kein Vergleich mit dem winzigen Fatum.
„Erst geht mir Fatums Hexe ins Netz, und jetzt der Erste Key. Heute muss mein Glückstag sein“, sagt der Drache.
Ich finde als Erster meine Sprache wieder: „Wo ist Raxia?“
„Habt ihr den langen Weg auf euch genommen, um sie zu retten?“
„Sag uns sofort, wo du sie versteckt hast!“
Malum lacht mich aus.
„Was passiert, wenn ich es nicht tue?“, höhnt er.
Ich packe mir Mio und halte ihm die Schneide meines Energieschwertes an die Kehle.
„Dann stirbt dein Key.“
x|Was tust du da?!|x, fragt Mio geschockt.
x|Spiel mit. Das muss echt aussehen.|x
„Denkst du im Ernst, ich bin so dämlich?“, lacht Malum.
Er nähert sich uns mit seinem riesigen Schädel. Ich kann ihm direkt ins Nasenloch gucken.
„Du würdest ihn niemals töten“, behauptet er.
„Sei dir da nicht so sicher.“
Malum zieht sich zurück.
„Überlasst ihn mir, dann gebe ich euch die Hexe und ihr könnt gehen“, bietet er an.
„Woher soll ich wissen, dass Raxia noch lebt?“
„Ihre Aura hat euch doch zu mir geführt, nicht wahr? Dann wird sie wohl noch am Leben sein – mehr oder weniger.“
„Ich will sie sehen.“
Malum prustet mir seinen Dampf ins Gesicht, bevor er den Schatten den Befehl erteilt, Raxia zu uns zu bringen. Kurz darauf taucht sie im schwarzen Nebel auf. Gefesselt und geknebelt liegt sie auf dem Boden. Neven eilt zu ihr, um sie zu befreien. Ich starre den Drachen wütend an, während ich Mio weiterhin als Geisel halte.
„Das büßt du!“, knurre ich.
„Gib mir den Key!“, verlangt er unbeeindruckt.
x|Liefert mich aus und flieht von hier|x, denkt Mio.
x|Würdest du nicht zittern wie Espenlaub, könnte ich dir dein Angebot regelrecht abnehmen. Nie und nimmer lass ich dich hier.|x
x|Ich will nicht, dass ihr auch noch wegen mir sterbt!|x
x|Spar dir den Mist. Entweder wir kommen hier alle raus oder keiner von uns.|x
Neven klinkt sich in unser Gespräch ein.
x|Die Decke, Milan. Versuch die Decke zum Einsturz zu bringen. Wenn Malum unter den Trümmern begraben wird, können wir fliehen. Er mag zwar wahnsinnig stark sein, aber seine Größe ist seine Schwachstelle, weil sie ihn langsam und unbeweglich macht.|x
Begeistert grinse ich Neven an. Er hält die bewusstlose Raxia im Arm und ist bereit.
„Was ist nun?! Gib mir den Key“, fordert Malum ungeduldig.
„Hier“, sage ich, nehme mein Schwert weg und schubse Mio in Malums Richtung. Er bleibt geschockt vor dem Drachen stehen, der sein Haupt erhebt und sein Maul aufreißt. Speichel tropft von den spitzen Zähnen auf Mio und durchweicht ihn. Schlotternd lässt er sich auf den Hintern fallen.
x|Jetzt, Milan!|x
Neven gibt mir das Zeichen. Ich nutze Malums Gier und seine damit verbundene fehlende Aufmerksamkeit meiner Person gegenüber. Ich bündle Energie und schieße sie Richtung Decke, während Neven mit Raxia so schnell er kann zum Höhlenausgang rennt.
Als Malum die herabstürzenden Gesteinsbrocken bemerkt, beginnt der Kampf. Er versucht mich davon abzuhalten, seine Höhle zu zerstören und hetzt mir die Fluchschatten auf den Hals. Sie kesseln mich ein. Ich nutze meine Energie und greife die Feinde an. Sie verpuffen, sobald ich sie getroffen habe, allerdings scheinen sie nicht weniger zu werden.
Neven kommt mir zu Hilfe. Er hat Raxia am Ausgang der Höhle abgelegt und feuert von der Position Magiebälle auf die Fluchschatten, doch selbst das lässt ihre Anzahl nicht schwinden.
Malum lacht.
„Jämmerlich! Ich werde euch vernichten, ihr schwachen Kreaturen!“
Der sinnlose Kampf gegen die Fluchschatten zehrt an meiner Kraft. Ihre Abwehr zu durchdringen ist unmöglich. Mir kommt Mio in den Sinn. Ich kontaktiere ihn telepathisch.
x|Mio, ich brauch dich. Kannst du die Viecher von außen brutzeln? Deine Key-Magie sollten sie nicht abwehren können.|x
Er reagiert verspätet, weil Malum ihn im Visier hat.
x|Ich kann nicht! Malum lässt mich nicht angreifen und selbst wenn – ich habe mich nicht unter Kontrolle. Wenn ich explodiere, sterben Raxia und Neven vielleicht.|x
x|Verfluchter Mist! Wieso können die Viecher nicht einfach verschwinden? Ich bin doch stärker als die!|x
Neven macht sich bemerkbar.
x|Sie verschwinden nicht, weil Malum wahrscheinlich ihre Abwehr gestärkt hat. Wenn wir den Bann entfernen, können wir gewinnen|x, sagt er.
x|Und wie stellen wir das an?|x, frage ich, aber werde von Mios Schrei unterbrochen.
Malum hat ihn geschnappt. Er hebt ihn zwischen zwei Krallen in die Luft. Mios Aura tritt hervor. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Ich gerate in Panik. Die Fluchschatten rücken mir immer mehr auf die Pelle und meine Angriffe verpuffen.
x|Scheiße! Neven. Mach was!|x
x|Ich hab eine Idee. Beschwör die Pistole und schieß auf sie, sobald ich dir das Signal gebe.|x
x|Aber das bringt doch nichts!|x
x|Vertrau mir.|x
Das ist in unserer Situation leichter gesagt, als getan. Umringt von den schwarzen Nebelerscheinungen verliere ich Neven aus den Augen. Ich habe keine Ahnung, was er vorhat. Aus reiner Verzweiflung halte ich mich an besagten Plan und beschwöre die Pistole. Ich schieße, aber die Energie verpufft wie vorhin in den Fluchschatten.
‚So ein Dreck‘, denke ich, bis mir einfällt, dass ich auf Nevens Zeichen warten soll.
Die Luft wird dünner. Durch die Schatten erhasche ich einen Blick auf Mio. Er baumelt zwischen den Krallen als leuchtender Sack in der Luft. Noch hält er seine Aura im Zaum, aber es wird nicht mehr lange dauern, bis seine Angst die Kontrolle übernimmt.
In dem Moment höre ich Nevens Stimme in meinem Kopf. Er gibt mir das Signal zum Angriff. Zeitgleich werden alle Fluchschatten von seiner Magie umhüllt. Sie schimmern, als ich meinen Angriff starte und sie nacheinander ins Visier nehme.
Als die Energie durch sie hindurchgeht, traue ich meinen Augen kaum.
x|Neven, wie hast du das gemacht? Meine Angriffe gehen durch!|x
x|Ich habe sie mit einem Bann unverwundbar gemacht, weshalb sie deine Energie nicht mehr aufnehmen und abwehren können. Bring jetzt die Decke zum Einsturz. Meine Reserven reichen dafür nicht.|x
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Mit gebündelter Kraft schieße ich nach oben. Malum bemerkt es zu spät, um es zu verhindern. Die Decke stürzt ein. Riesige Gesteinsbrocken fallen herab und begraben den Drachen unter sich. Die Fluchschatten verpuffen, sobald Nevens Bann erlischt.
Ich renne zu Mio. Malum hat ihn in seiner Not fallen lassen. Ich helfe ihm auf. Er ist glitschig von der Drachenspucke, die er vorhin abbekommen hat.
„Renn!“, rufe ich ihm zu.
Mio beeilt sich. Wir laufen zu Neven und Raxia, die am Ausgang warten. Aber wir kommen nicht raus, denn die verpufften Fluchschatten tauchen wieder auf und blockieren uns den Fluchtweg. Wir müssen ausweichen und laufen weg. Neven ist mit Raxia im Schlepptau zu langsam. Ich nehme sie ihm ab. Gerade noch rechtzeitig können wir uns vor einem herabfallenden Gesteinsbrocken in einem Spalt in der Wand in Sicherheit bringen. Der Brocken schlägt keine Sekunde nach uns im Boden ein.
Erschöpft lasse ich Raxia runter und knie mich neben sie. Mio macht Licht. Wir sind mit dem Schrecken davongekommen.
„Der Weg ist versperrt“, stellt Neven fest. „Der Stein ist vor dem Spalt gelandet. Wir müssen teleportieren.“
„Dazu muss Raxia wach sein“, sage ich.
Mio kniet sich besorgt neben sie. Ich halte mir die Nase zu. Drachensabber riecht echt widerlich.
„Sobald wir hier raus sind, badest du“, sage ich.
Mio wirft mir einen beleidigten Blick zu, als wir plötzlich Malums lautes Gebrüll vernehmen. Der Boden zittert durch die Wucht seiner Stimme. Kleinere Steinchen rieseln von der Decke in unser Versteck. Ich beuge mich über Raxia, damit sie ihr nicht auf den Kopf fallen.
„Wir müssen weg“, drängt Neven.
In dem Moment donnert Malums Schwanz gegen die Gesteinsbrocken am Eingang. Sie werden weggeschleudert. Der Weg ist frei, wäre da nicht der gigantische Drachenschädel, der sich vor dem Loch platziert.
Malum öffnet sein Maul. Ich sehe die spitzen Zähne, die so groß wie mein Unterarm sind. Die machen mir jedoch nicht die größte Angst. Viel schlimmer ist die Flamme, die sich in seiner Kehle zu einer Kugel formt. Es bleibt keine Zeit zum Überlegen. Ich packe Raxia unter meinen Arm. Mio und Neven berühren mich, bevor uns Mio in letzter Sekunde hinter den Drachen teleportiert. Erleichtert stelle ich fest, dass Raxia trotz fehlendem Bewusstsein den Sprung geschafft hat und nicht im Zwischennichts verloren gegangen ist.
Unsere Flucht ist jedoch weiterhin unmöglich. Eine heiße Stichflamme aus Energie lässt den Felsspalt vor uns explodieren. Erneut fliegen uns Gesteinsbrocken um die Ohren. Einer davon trifft Malum auf dem Rücken. Er schreit vor Schmerzen auf.
„Das ist es“, ruft Neven. „Hast du die Stelle gesehen, Milan?“
„Zwischen seinen Flügeln?“
„Ja! Greif ihn dort an. Mio, wir bringen Raxia in Sicherheit.“
„Okay.“
Malum schlägt mit seinem Schwanz um sich. Ich weiche aus, beschwöre mein Schwert und renne auf dem geschuppten Schweif nach oben. Malum lässt mich durch die Luft fliegen. Ich lande mit Glück auf seinem Rücken und kann mich festhalten. Das passt ihm nicht. Er dreht sich durch die Trümmer seiner Höhle und lässt noch mehr Wände einstürzen. Ich bete, dass meine Freunde von keinem Brocken getroffen werden.
„Das werdet ihr büßen, ihr Würmer!“, brüllt Malum und schießt einen Feuerball direkt in meine Richtung. Er verfehlt mich und seine Flügel nur knapp.
Ich ramme mein Schwert zwischen seine Schuppen, um nicht abzustürzen. Danach heißt es zielen. Die Stelle zwischen den Flügeln blutet. Der Stein, der dort traf, hat Spuren hinterlassen. Offenbar sind die Schuppen hier nicht so dick.
„Das wars, Drache!“, rufe ich, will zum letzten Schlag ansetzen, aber werde plötzlich von Malums Rücken gepustet. Der Wind von seinen flatternden Flügeln lässt mich gegen die Wand knallen. Ich spucke Blut. Der Aufprall war heftig.
Zurück am Boden sehe ich erneut in das aufgerissene Maul mit dem Feuer im Schlund.
‚Wars das?‘
Mio packt mich. Er zerrt mich auf die Beine, während seine Aura um seinen Körper herum leuchtet. Malum weicht zurück, aber es ist zu spät. Ich höre Mio schreien und sehe in dem Moment sein Gesicht. Seine Augen sind voller Furcht. Ich will ihm noch zurufen, an Neven und Raxia zu denken, jedoch ist es sinnlos. Mios Aura explodiert. Der Druck schleudert uns durch den Raum. Wir fliegen in eine Horde Fluchschatten, die zu langsam waren und nun in Mios Energie verbrennen. Ihr Kreischen verschafft mir Gänsehaut.
Mit einem Schlag wird die gesamte Höhle pulverisiert.

Als ich wieder zu mir komme, befinden wir uns auf den Trümmern. Nevens Schutzkuppel hat uns ein zweites Mal gerettet.
Benommen sitzt er neben Raxia und wirkt erschöpft. Sie ist immer noch bewusstlos. Mio ebenfalls.
„Verdammt“, knurre ich und richte meinen schmerzenden Körper auf.
Ich blicke nach unten. Die Trümmer der Höhle sind verdammt hoch. Das war echt knapp. Doch plötzlich bewegen sich Steine direkt vor uns. Ich weiche zurück. Malums Maul bahnt sich den Weg durch das Geröll. Sein Auge funkelt mich an. Das andere hält er geschlossen. Es blutet.
„Dass ich so enden werde“, keucht Malum. „Von einem einfachen Menschen besiegt.“ Er lacht. „Nein, du bist kein einfacher Mensch. Ihr beide nicht.“
„Bist du jetzt fertig?“, knurre ich.
„Du bist der Zweite, stimmt’s? Beide Keys vereint. Wir hätten ihn damals töten sollen.“
„Sprichst du von Zodan?“, mischt sich Neven ein.
Malums Blick huscht zu ihm.
„Sprichst du von Zodan, dem ersten Menschen auf der Erde?“, wiederholt Neven.
Malum lacht. Er verschluckt sich und hustet. Dampf schießt aus seiner Nase. Ich weiche zurück und starre fassungslos den gigantischen Schädel des Drachens inmitten des Schutthaufens an.
‚Von was reden die?‘, denke ich.
„Das Ziel war zum Greifen nah und ist in unerreichbare Ferne gerückt“, seufzt Malum. „Wer hätte gedacht, dass sich die Prophezeiung erfüllt und wir sie als überlegene Rasse nicht aufhalten können. Eine Schmach.“
„Jetzt ist es vorbei“, sagt Neven.
Malum sieht in meine Richtung.
„Komm her“, fordert er.
„Damit du mich grillen kannst? Ich denk nicht dran.“
„Komm her. Ich will dir etwas geben.“
„Ich vertrau dir nicht.“
„Tu es, Milan.“
Entgeistert wandert mein Blick zu Neven.
„Wir haben ihn besiegt“, sagt er.
Ich lasse mich widerwillig umstimmen und gehe zu dem sterbenden Drachen.
„Beschwör dein Schwert und schneide mein Auge heraus“, fordert Malum.
„Was?! Warum sollte ich dich verstümmeln wollen?“
„Um eine Chance gegen meinen Erzfeind Fatum zu haben.“
Ich zögere, bis ich Nevens Hand auf meinem Rücken spüre. Er nickt mir zu. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Mein Körper wirkt wie ferngesteuert, als ich mein Schwert in den Händen spüre und tatsächlich mit der Klinge Malums Auge herausschneide. Er hat dabei keine Schmerzen, was es aber nicht weniger brutal und blutig macht.
Angewidert halte ich seinen Augapfel in den Händen.
„Iss ihn“, fordert Malums schwache Stimme.
Mir dreht sich der Magen um.
„Iss ihn und du wirst mit meinen Augen sehen lernen.“
„Ist das widerlich! Nur über meine Leiche! Du spinnst doch!“
Der Drache antwortet nicht mehr. Neven seufzt. Er lässt sich auf den Po sinken. Ich halte noch immer das Auge in der Hand.
Als ich es gerade wegwerfen will, hindert er mich daran.
„Tu, was er sagt.“
„Ich esse gewiss kein Auge. Mir kommt’s schon nur bei dem Gedanken hoch.“
„Malum ist gerade gestorben. Er kann uns nicht mehr sagen, wie wir Fatum besiegen“, erklärt Neven.
„Als ob er uns das verraten hätte.“
„Fatum ist sein Erzfeind. Ich denke, er wollte, dass wir ihn töten. Also iss das Auge. Vielleicht erfahren wir einen Weg, Fatum zu besiegen.“
„Das ist ein schlechter Witz. Iss es doch selbst“, antworte ich.
„Ich bin kein Key.“
„Ich will auch keiner sein! Soll Mio es essen. Ich pack Zucker drauf, dann wird er das schon machen.“
„Malum hat dich auserwählt. Jetzt leiste deinen Beitrag.“
Fassungslos gleitet mein Blick zwischen Neven und dem blutigen Auge in meiner Hand hin und her. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll – oder kotzen. Danach steht mir gerade am meisten der Sinn.
Ich schlucke stark. Das Auge ist im Vergleich zum Drachen verhältnismäßig klein. Es passt in meine Hand. Mit einem Bissen wäre es aber nicht getan. Der Gedanke war zu viel. Mein Mageninhalt kommt nach draußen. Angewidert wische ich mir danach über den Mund.
„Niemals, Neven.“
„Bitte Milan. Tu es für die Menschen.“
„Nein.“
„Dann tu es für deine Familie und Freunde. Ich bin mir sicher, dass es auf der Erde Menschen gibt, die dir wichtig sind.“
„Ich esse kein Auge!“
„Dann versuch es zu absorbieren“, sagt er.
„Das ist doch dasselbe!“
„Nein, ist es nicht. Auch die Körper der Drachen bestehen aus Energie. Vielleicht kannst du die Kraft des Auges in dir aufnehmen, wenn du es an deine Stirn legst. Es ist gut möglich, dass du als Zweiter Key Energie nehmen kannst, wenn Mio als Erster sie gibt.“
„Ich bin nicht der Zweite. Du hast das nach der Knochenlese einfach in den Raum geworfen. Ein paar blaue Flammen und verrückte Erinnerungen sind für mich noch kein Beweis.“
Ich werfe Neven das Auge zu. Reflexartig will er es fangen, jedoch lässt er es mit schmerzverzogenem Gesicht fallen. Seine Hände glühen. Ich kann kaum glauben, was ich eben gesehen habe. Zögernd bücke ich mich und hebe das Auge vom Boden auf.
„Wieso kannst du es nicht anfassen?“
„Weil nur die Keys in der Lage sind, die aguanischen Drachenschuppen zu berühren. Deswegen kann ich das Auge weder anfassen, noch meinem Körper einverleiben. Bitte Milan. Hör auf Malum und nimm sein Geschenk an.“
„Und wenn das ein Trick ist und ich danach tot umfalle?“
„Wir müssen an das Gute glauben. Außerdem …“
„Jaja. Außerdem bin ich schon längst tot. Der Gag wird auch nie langweilig.“
Ich seufze und betrachte missmutig mein „Geschenk“. Essen kommt auf keinen Fall in Frage. Nach Nevens rührseliger Rede bin ich jedoch bereit, die Energieabsorbtion zu versuchen. Ungeschickt halte ich mir das Auge an die Stirn und komme mir mehr als dämlich dabei vor.
„Konzentrier dich und stell dir vor, die Energie über deine Haut in deinen Körper zu lenken.“
‚Der hat leicht reden. Wie soll ich mir sowas Verrücktes vorstellen?‘
„Du glaubst nicht daran, Milan. So wird es nicht klappen.“
„Ich bin bemüht, okay?“, antworte ich zickig, bevor ich mir wirklich Mühe gebe. Still halte ich die Augen geschlossen und fühle das matschige, kalte Auge an meinem Kopf. Bevor mich erneut der Ekel überkommt, spüre ich plötzlich Wärme. Mir wird ganz anders. Meine Hände beginnen zu brennen und in mir spielt alles verrückt. Ich will Malums Auge wegwerfen. Es klebt an meiner Hand und leuchtet. Dann trifft mich eine Wucht. Ich verliere den Boden unter den Füßen. Alles wird schwarz. Ich treibe in der Endlosigkeit. Meine Gedanken sind konfus. Ich hab gewaltige Angst und bereue, auf Neven gehört zu haben.
Vor mir taucht Malum auf. Er schwebt im schwarzen Nebel und bis auf seine leuchtenden Augen ist er nur schwer zu erkennen. Ich will in Angriffshaltung gehen, jedoch habe ich in der Schwerelosigkeit keine Kontrolle über meinen Körper.
„Du brauchst keine Angst haben“, sagt Malum.
„Ich vertrau dir nicht! Welche kranke Scheiße ziehst du hier ab? Wo sind meine Freunde?“
„Für sie steht die Zeit still, während wir uns unterhalten. Du befindest dich im Zwischennichts. Es ist der Übergang von der Dritten zur Vierten Dimension. Ein Ort, den du nur durch die Energie, die ich dir mit meinem Auge vermacht habe, betreten und verlassen kannst.“
„Ich will zurück.“
„Später. Vorher will ich dir erzählen, warum du existierst.“
„Das will ich nicht hören! Lass mich zurück!“
„Du hast keine Wahl. Versuch dich zu konzentrieren und deine Angst zu vergessen. Ihr Menschen habt zu viele Emotionen. Sie machen euch schwach. Euer Organismus wird von euren Nerven gesteuert, weshalb der Erste stets die Kontrolle verliert und seine wahre Macht nicht beherrscht. So werdet ihr Fatum nie besiegen.“
„Dich haben wir so auch bekommen. Und außerdem: Als ob du wollen würdest, dass wir gewinnen. Du bist unser Feind. Oder warst es…“
„Denkst du?“ Malum grinst. „Siehst du nur schwarz und weiß?“
„Nein.“
„Dann hör mir zu. Ich erzähle dir die Geschichte.“

PDF Ansicht/Download

Keys of Zodan

Wiederkehr Teil 2

Taschenbuch, Hardcover und eBook

ab sofort

bei Amazon erhältlich

– jetzt teilen –

Leseprobe

– Milan –

Der Tag der Tage ist gekommen. Raxia und ich sind bereits auf dem Weg in die Menschenwelt. Wir erreichen die Lichtung wie geplant einen Tag vor der Blutmondnacht.
„Wir werden uns ausruhen und warten, bis das Ritual in vollem Gange ist. Erst dann schlagen wir zu“, erklärt sie.
„Können wir den Typen nicht sofort retten?“
„Nein. Es müssen alle Schatten versammelt stehen, damit wir so viele wie möglich von ihnen vernichten können.“
„Aber dann muss er leiden. Willst du wirklich, dass sie ihm die Haut vom Körper schälen?“
„Glaube mir, er hat schon schlimmeres Leid erlebt.“
„Was kann denn schlimmer sein, als bei lebendigem Leib gehäutet zu werden?“
„Frag ihn selbst, wenn es so weit ist. Vielleicht vertraut er dir und du bekommst eine Antwort.“
„Kennst du ihn etwa?“
„Ja und nein.“ Sie weicht meinem Blick aus.
„Gibt es etwas, was ich wissen sollte?“ Ich kenne das Mädel mittlerweile lang genug, um zu wissen, wenn sie mir gegenüber nicht aufrichtig ist.
„Das erfährst du alles zu seiner Zeit.“
„Weich mir nicht aus. Was hat es mit dem Jungen auf sich? Was ist an ihm so besonders? Ich habe keine Lust, dass die fette Echse mich in die Quälerei steckt. Es wäre gut, wenn ich alle wichtigen Informationen hätte.“
„Das erkläre ich dir früh genug.“
Wir hören entfernt von uns ein Rascheln. Raxia hält mir den Mund zu und zieht mich hinter einen Baum. Sie lehnt sich eng gegen meinen Körper. Eine Gestalt in dunkler Robe bewegt sich an uns vorbei.
„Der hat genau so einen beschissenen Modegeschmack wie du“, flüstere ich.
„Pscht. Wenn wir entdeckt werden, ist es vorbei.“
„Jaja. Nimm bitte dein Bein aus meinem Schritt. Danke.“
„Wah. Entschuldige.“
„Leise.“

Angespannt hält sich Raxia den Mund zu, nachdem sie meine Intimzone wieder zugänglich gemacht hat. Mucksmäuschenstill lauschen wir, ob der Typ uns bemerkt hat. Er pfeift und kichert unter seiner Kapuze, sucht jedoch nicht nach uns. Glück gehabt.
„Das war knapp“, seufzt sie erleichtert.
„Kannst du sehen, was der macht?“
„Ja. Er bereitet das Ritual vor.“
„Können wir ihn nicht beseitigen? Wenn er niemanden warnen kann, kommt der Rest doch trotzdem, um den Jungen zu foltern.“
„Nein. Wir warten, bis die Zeit reif ist.“
Raxias Hartnäckigkeit macht mich wütend, denn ich will den Schreien des Jungen nicht erneut ausgeliefert sein. Es war schlimm genug, ihn in der Vision leiden zu sehen. Den ganzen Scheiß jetzt in echt zu erleben, gefällt mir überhaupt nicht. Aber ich warte brav an ihrer Seite, bis der Robenträger die Opferstätte vorbereitet hat, um sich danach wieder zu verziehen.
„Puh“, atmet Raxia auf. „Das erste Hindernis ist überwunden.“
„Wir hätten ihn töten sollen.“
„Nein. Du weißt nicht, wie stark er ist. Wenn wir eine Chance gegen alle Schatten haben wollen, brauchen wir den Blutmond.“
„Der sah doch überhaupt nicht stark aus. Außerdem war er allein und wir zu zweit.“
„Aber du kannst deine Energie nicht unbegrenzt einsetzen. Sie regeneriert sich nicht in der Menschenwelt. Wenn wir das Portal erneut durchschreiten, würden wir direkt auf der Lichtung auftauchen. Wir müssen uns zusammenreißen. Unsere Zeit wird kommen.“
„Aber die quälen den Typen bestimmt schon.“
„Nein. Momentan ist er bewusstlos.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weibliche Intuition.“
„Verarsch mich nicht.“
„Dann hör auf dumme Fragen zu stellen.“
„Wie soll ich denn kämpfen, wenn ich nicht alle Hintergründe kenne?“
„Du weißt alles, was du zu diesem Zeitpunkt wissen musst. Und jetzt sei still und ruh dich aus. Deine Wut kannst du morgen an den Schatten auslassen.“

Die nächste Nacht bricht an. Wir haben die Wartezeit mit Daunenjacken gegen die Winterkälte im Wald verbracht und uns nicht wieder gestritten. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.
Wir sind nicht länger allein auf der Lichtung. Die Schatten sammeln sich. Sie bringen den Jungen. Er ist bewusstlos, so wie Raxia es vorausgesagt hat. Mir schnürt es die Kehle zu, als ich beobachte, wie ein Typ in grauer Robe ihn auszieht und an den mächtigen Baum fesselt.
„Beruhige dich“, flüstert Raxia, als sie meine geballten Fäuste bemerkt. „Es ist noch zu früh.“
„Ja“, zische ich. „Ich darf doch aber wütend sein?“
„Ich bin auch wütend.“
„Dann spare dir deine Wut für den Kampf auf“, wiederhole ich ihre eigenen Worte und erhalte einen verärgerten Blick. Die Schatten beziehen ihre Position. Zwischendurch wird der gefesselte Typ wach. Er hat Angst. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich höre seine panische Stimme, während er mit einem Kerl in grauer Robe spricht.
„Hast es bald geschafft, Mioleinchen.“
„Tarek. Wird es wehtun?“
„Der auch?“, zischt Raxia geschockt.
„Kennst du diesen Tarek?“, frage ich leise.
„Tarek vom Totensee. Er ist der Herrscher des gleichnamigen Sees in der Schattenwelt. Er verfügt über eine ungeheure Regenerationsfähigkeit.“
„Hm, wenn er der Heiler ist, sollten wir ihn zuerst platt machen. Wenn ich etwas aus Games gelernt habe, dann das.“
„Nein, er kann nur sich selbst regenerieren. Ich bin überrascht, dass er ebenfalls hier ist.“
„Offenbar hat auch er großes Interesse an dem Typen da am Baum.“
„Kein Wunder, wenn man bedenkt, wer er ist.“
Es vergehen ein paar Minuten, bis die nächsten Schatten die Bühne betreten. Durch die schlechten Lichtverhältnisse kann ich nicht viel erkennen. Ich kann aber auch nicht weiter ran, ohne entdeckt zu werden.
„Unter der roten Robe ist der Erste Handlanger von Malum“, erklärt Raxia angespannt. „Sein Name ist Pirk. Er ist der Gefährlichste von allen.“
Die Schatten stehen vor dem Jungen. Sie zeigen ihr Gesicht. Unter ihnen ist auch eine verängstigte Frau in weißer Robe.
„Wer ist sie? Auch ein Opfer?“
„Ja.“
„Wir retten sie.“
„Nein.“
„Was? Willst du zusehen, wie sie die Frau …?“
„Leise.“
„Das ist nicht dein Ernst, Raxia.“
„Wir dürfen nichts unternehmen.“
„Ich sehe nicht zu, wie die einen Menschen ermorden.“
„Doch. Du wirst gehorchen.“
„Du hast mir nichts vorzuschreiben.“
„Milan bitte. Ich weiß, dass es grausam ist, nichts zu unternehmen. Aber wenn wir das Ritual zu früh stören, werden wir scheitern. Pirk muss seine ganze Kraft in den Blutmond lenken, sonst ist er zu stark für uns. Dann stirbt nicht nur die Frau, sondern alle Menschen auf der Welt. Falls es dir hilft: Die Frau opfert sich freiwillig. Sie gehört zu Malums Untertanen.“
„Dir fällt das leicht, was? Mir aber nicht. Ich werde die sofort fertigmachen.“ Raxia packt mich am Arm.
„Bitte Milan. Ich will, dass Emilio das übersteht. Ich bin es ihm schuldig.“
„Also kennst du ihn.“
„Nicht direkt.“
„Sag mir, wer er ist. Vielleicht überlege ich es mir dann anders und vergesse mein Gewissen.“
„Ich beobachte ihn seit einer ganzen Weile. Er ist die Wiedergeburt einer Key-Seele. Er wurde von meinen Ältesten erschaffen, weshalb er mächtig ist. Die Schatten werden ihn so lange quälen, bis er sich dem Hass ergibt. Erst dann können sie ihn zu einem von ihnen machen. Das Ritual, welches sie gerade abhalten, dient diesem Zweck. Sie wollen mit der Macht des Blutmondes Emilios Kräfte potenzieren, um einen übermächtigen Schatten zu erschaffen, der die Menschheit versklavt.“
„Dann ist die Sache ja wirklich ernst“, sage ich mit trockenem Mund. Mein Blick wandert zurück zur Lichtung. Mittlerweile brennt ein Feuer etwas abseits, um welches weitere Robenträger versammelt stehen. Sie bewegen rhythmisch ihre Füße und treiben das Ritual voran.
Malums Erster Handlanger scheint dabei der Rädelsführer zu sein. Er spricht zu den Anwesenden: „Liebe Gemeinde. So viele Jahre haben wir gewartet, doch heute – HEUTE ist das Warten vorbei. In dieser Blutmondnacht werden wir die Key-Energie entfesseln und unserem Herrn und Meister dienen! Im Zeichen des Blutmondes opfern wir das Blut der Jungfrau und erzürnen die Macht, um Seelen zu brechen und dem Teufel Fatum zu trotzen.“
„Jetzt beginnt es“, flüstert Raxia. „Pirk hat mit seiner Ansprache den Blutmond gerufen. Gleich sehen wir ihn.“
Die Schatten beginnen gemeinsam zu summen, bis ein rotes Leuchten am Himmel sichtbar wird. Ein blutroter Mond steht plötzlich am Nachthimmel. Er ist riesengroß und leuchtet mittig erhoben über den grauen Gestalten. Sein roter Schein färbt die Nacht blutig. Das Summen der Schatten verstummt schlagartig.
„Greifen wir jetzt an?“, frage ich Raxia.
„Nein, noch nicht.“
„Wann?“
„Wenn die Frau tot ist und Emilio seinen Körper verlässt.“
„Er verlässt seinen Körper?“
„Ja. Seine Aura wird durch die Einwirkung des Blutmondes in seiner Seele versiegelt, die danach aus seinem Körper fahren wird. Die Schatten wollen sie stehlen. Wir müssen ihnen zuvorkommen. Nachdem wir sie besiegt haben, schnappen wir uns Emilio und holen ihn zurück, damit er an unserer Seite kämpft.“
„Also töten wir ihn?“
„Ja, vorerst. Nur so können wir trotz des Blutmondes verhindern, dass aus ihm ein Schatten wird.“
Plötzlich höre ich einen markerschütternden Schrei. Er kommt von der Frau. Noch ehe ich begreife, was passiert, hält Raxia mich fest. Ihr stehen die Tränen in den Augen.
„Bitte, Milan. Lass es geschehen.“
„Was?“ Mein Blick wandert zu der Lichtung. Der Frau wird ein Messer an die Kehle gehalten. Sie lächelt.
„Ich werde die alle massakrieren“, knurre ich hasserfüllt.
„Wir werden sie alle in die Hölle schicken.“
Tapfer nicke ich und sehe Raxia in die Augen, um mich von dem Elend abzulenken, was da gerade auf der Lichtung geschieht.
Bis Emilio schreit: „NEIN!“
Die Frau kreischt.
„Sieh nicht hin“, jammert Raxia. „Bleib bei mir Milan. Bitte.“
„Sie haben sie angezündet …“, stammle ich paralysiert. Raxia durchzieht ein tiefer Schluchzer.
Malums Erster Handlanger ergreift das Wort. „Großer Herr und Meister, wir opferten die Jungfrau aus unseren Reihen und schüren den Zorn der Macht.“ Seine Stimme lässt die Erde erzittern.
Die Menge stimmt wieder in ihr wahnsinniges Summen ein. Nach Minuten löschen sie das Feuer. Die Schreie der Frau sind verstummt. Der Geruch von verbranntem Fleisch liegt in der Luft. Mir dreht sich der Magen um. Verzweifelt klammere ich mich an Raxia.
„Wir werden es ihnen heimzahlen“, flüstert sie. „Gleich ist es so weit.“ Sie löst sich von mir und wischt sich die Tränen weg. „Gleich werden wir einschreiten.“
Entschlossen nicke ich. Mein Zorn ist grenzenlos. Jeder Muskel meines Körpers ist angespannt und freut sich darauf, diese Mistkerle in Stücke zu reißen.
Malums Erster Handlanger ergreift wieder das Wort: „Der Hass des Ersten Keys wird uns unbesiegbar machen. Großer Meister Malum, wir überbringen euch eine von Zodans Seelen. Auf das sie euch den Jahrtausende andauernden Krieg gegen Teufel Fatum gewinnen lasse.“ Ein Mann steht vor Emilio am Baum. Er hält einen schwarzen Dolch in der Hand, mit dem er ihm die Haut zerschneidet.
Ich höre wieder seine markerschütternden Schreie aus der Vision. Mir gefriert das Blut in den Adern. In meinen Gedanken sehe ich Emilio blutend am Baum hängen. Ich fühle seinen Schmerz.
„TÖTET DEN KEY!“, schreien die Schatten. Ich halte mir die Ohren zu. Ich kann diese Schreie nicht ertragen.
„Er schwebt“, flüstert Raxia und deutet zum Himmel. Meine Augen folgen ihrem Finger. Ich erkenne eine leuchtende Kugel vor dem Blutmond.
„Ist das Emilio?“
Sie nickt entschlossen. „Das ist seine Seele. Sie ist aus seinem Körper gefahren. Wir werden jetzt angreifen.“
„Endlich.“
Noch nie waren wir uns so einig wie jetzt.

Der Kampf gegen die Schatten beginnt. Raxia und ich machen uns bereit. Wir nutzen dazu die Besonderheit des Blutmondes, der die Lichtung erhellt.
„Wir werden jetzt miteinander verschmelzen“, erklärt sie. Ich nicke ernst. Mein Verhalten überrascht sie: „Wie? Kein dummer Kommentar?“
„Mir ist mein Humor vergangen. Sag mir, was zu tun ist.“
„Okay. Durch die Energie, die uns durch den Blutmond zuteilwird, können wir unsere Seelen verbinden. Unsere Kraft wird dadurch verdoppelt.“
„Geht das wieder rückgängig zu machen? Nicht, dass wir dann für immer eins ergeben. Das will ich auf keinen Fall.“
„Denkst du, ich will das für immer? Sobald unsere Energie unter eine gewisse Grenze fällt, trennen sich unsere Seelen von allein. Wir müssen nur aufpassen, dass uns das nicht während des Kampfes passiert.“
„Gut.“ Ich breite meine Arme aus. „Los Raxia, fahr in mich. Dieses Angebot bekommst du von mir nur einmal.“
Sie nähert sich und legt ihre Hände an meine Brust. Ihr Blick bleibt gesenkt. Sie schließt die Augen. Ich halte in der Zeit still und warte ab, ob die Energie des Blutmondes uns tatsächlich verschmelzen lässt. So wirklich kann ich mir das nicht vorstellen. Raxia leitet ihre Energie über ihre Hände in meine Brust. Der Schein des Blutmondes umhüllt uns. Ich fühle eine brennende Hitze in meinem Herzen. Ich kneife erschrocken meine Augen zusammen. Als ich sie vorsichtig wieder öffne, ist Raxia weg.
x |Sehr gut.| x Ich höre ihre Stimme in meinem Körper. Gänsehautfeeling. Ist das abgefahren.
„Bist du das Raxia?“
x |Ja, wer sonst?| x Ich könnte schwören, Raxia rollt gerade genervt mit den Augen.
x |Pass auf, Milan. Du kannst jetzt auch über meine Energie verfügen. Setze sie jedoch sparsam ein, damit unsere Verbindung den gesamten Kampf übersteht. Ich werde dir von hier drinnen helfen. Wundere dich nicht, wenn sich dein Körper vielleicht mal von allein bewegt. Das bin dann ich.| x
„Wie soll ich denn kämpfen, wenn mir mein Körper nicht gehorcht? Wie hast du dir das vorgestellt?“
x |Vertrau mir. Und jetzt hör auf zu reden, sonst bemerkt uns noch jemand.| x
‚Ich kann das langsam nicht mehr hören.‘ geht es mir durch den Kopf
x |Das kann ich wahrnehmen, also sei vorsichtig mit deinen Gedanken.| x
x |Ist das jetzt immer so?| x Ich versuche das irgendwie stärker zu denken.
x |Das ist Telepathie. Mit ein bisschen Übung kann man die reinen Gedanken und die Kommunikation trennen.| x
x |Und wie geht das?| x
Plötzlich ertönt ein Geräusch. Wir haben die Aufmerksamkeit des Schattens geweckt, der mit dem schwarzen Dolch Emilio geschnitten hat. Er hat sich von den anderen entfernt, um zu unserem Versteck zu kommen. Er ist allein.
„Wer bist du?!“, schreit der Mann bedrohlich.
„Ich bin dein Untergang, du verdammtes Monster“, antworte ich wütend.
x |Folge deinem Unterbewusstsein. Den Rest erledige ich.| x
x |Geht klar. Lass sie uns alle fertigmachen| x, denke ich entschlossen und stürze mich in den Kampf.
„Was zum …!“
Raxia hat meinen Körper direkt vor den Kerl teleportiert. Der Typ starrt mich mit großen Augen an. Auf seinem bösartigen Gesicht fallen mir die Blutspritzer auf. Seine Robe und seine Hände sind mit Emilios Blut beschmiert.
Ich höre Raxia etwas sagen und gleich darauf halte ich eine Energiewaffe in meinen Händen. Die blutrote Sense leuchtet gefährlich und liegt schwer, aber nicht zu schwer in meiner Hand. Von ihrer Schneide tropft Blut, welches verdampft, bevor es auf den Boden fällt. ‚Du kannst ja krasse Sachen, Raxia.‘
x |Töte ihn. Lass dich nicht von unseren Gegnern treffen. Wir müssen Malums Ersten Handlanger so schnell wie möglich ausschalten. Für eine langsame Strategie reicht unsere Energie nicht aus.| x
Ich setze mit der Sense zum Schlag an. Noch ehe er reagieren kann, schlage ich ihm den Kopf von den Schultern. Der Geruch des Todes breitet sich in der Luft aus. Ich muss würgen. Zitternd gehe ich einen Schritt zurück. Mir ist eiskalt. Meine Lippen beben und mein Magen dreht sich um.
x |Milan, reiß dich zusammen!| x
Ich bin nicht in der Lage, ihr zu antworten. Mein Blick haftet gebannt auf dem regungslosen Körper am Boden. Schatten hin oder her – der Typ war kein Toter wie Raxia und ich. Sein irdischer Körper besteht aus Fleisch und Blut. Ich habe gerade einen Menschen zerschnitten.
x |Beruhige dich. Du verbrauchst zu viel Energie. So werden wir es nicht schaffen, alle zu besiegen.| x
„Er war lebendig …“, stotterte ich paralysiert. Mir knicken die Beine ein. Die Sense löst sich auf. Ich falle auf den Hintern. Meine Hände krallen sich zitternd in das gefrorene Laub am Boden. Ich habe Angst.
x |Bitte entspann dich. Du hast nichts falsch gemacht.| x
x |Ich habe nichts falsch gemacht? Ich habe gerade einen lebendigen Menschen  … Du hast gesagt, es gibt keine lebenden Schatten.| x
x |Er war besessen. Wenn du ihn nicht getötet hättest, wäre er von Malums Untergebenen spätestens nach dem Ritual ermordet und zu einem vollendeten Schatten gemacht worden. Im Prinzip hast du seine Seele gerettet, obwohl dieses Monster das nicht verdient hat.| x
x |Jetzt klebt Blut an meinen Händen. Das ist nicht witzig. Auch wenn der Scheißkerl es verdient hat, – ich will keine Menschen töten. Jetzt habe ich doch gegen eine der albernen Regeln in der Dritten Dimension verstoßen.| x
x |Die gilt nur für unschuldige Menschen. Er hier war ein Schattenanwärter und unser Feind. Das ist etwas anderes. Jetzt steh wieder auf, nimm dir seinen Dolch und erledige die Restlichen von ihnen. Wir haben nur noch ein paar Minuten, bis sich unsere Verbindung auflöst. Außerdem wird Emilio bald an seinen Verletzungen sterben. Seine Seele leuchtet immer schwächer. Beeil dich, sonst war alles umsonst.| x
x |Ich kann das nicht. Ich kann nicht noch einen Menschen töten, ganz egal, ob er ein Schatten wird. Ich hab Angst. Sieh dir dieses Blutbad an.| x
Raxia übernimmt ungefragt die Kontrolle über meinen Körper und lässt mich aufstehen. Sie tritt in meiner Gestalt neben den Toten, um den schwarzen Dolch aufzuheben.
x |Der gehört dem Kerl in der roten Robe. Wenn es uns gelingt, ihn zu beseitigen, können wir Malum großen Schaden zufügen.| x
x |Ich töte keine Menschen mehr.| x
x |Dieser Schatten ist bereits vor zweitausend Jahren gestorben. Gegen ihn zu gewinnen wird hart, obwohl das Ritual hoffentlich einen Großteil seiner Kraft verbraucht hat. Wir sollten die Rotkutte zuerst ins Visier nehmen.| x
Raxia zu widersprechen wäre sinnlos. Sie interessiert sich nicht für meine Meinung. Mit Leichtigkeit behält sie die Kontrolle über meine Bewegungen. Sie stürmt auf direktem Weg auf die Lichtung. Den schwarzen Dolch schleudert sie zielsicher in die Brust des Schattens, welcher die Frau angezündet hatte. Er schreit und blickt verwundert an sich herab. Die anderen Anwesenden um ihn herum halten Abstand. Entsetzt starren sie auf den Dolch in seiner Brust. Spätestens jetzt haben wir alle Aufmerksamkeit auf uns.
x |Der blutet nicht.| x, schreie ich Raxia panisch in meinen Gedanken zu. Ich habe bemerkt, dass der von ihr getroffene Schatten keine körperliche Verletzung erleidet. Es scheint ihm zwar wehzutun, jedoch geht er nicht zu Boden.
x |Das ist wahrscheinlich ein Phantom-Schatten. Die sind selten und besitzen magische Kräfte.| x
„Magie?“
x |ACHTUNG, MILAN!| x
Raxia bremst meinen Körper abrupt ab. Mir zieht es wegen des glatten Bodens die Füße weg. Im selben Moment schwirrt eine Klinge über meinen Kopf. Sie scheint aus Wasser zu bestehen und löst sich noch während sie durch die Luft fliegt, auf. Ängstlich starre ich ihr nach. Das verdammte Ding hätte mir beinahe den Kopf von den Schultern geschnitten.
x |Das war knapp! Tareks Klinge hätte dich fast erwischt. Beeilung! Unsere Energie schwindet.| x
Ich komme nicht dazu, Raxia in meinen Gedanken zu antworten, da ich bereits weiteren Angriffen ausweichen muss. Der Wächter vom Totensee steht in seiner grauen Kutte mit heruntergelassener Kapuze direkt vor mir. Er grinst mich breit aus seinem schmalen Gesicht hinter den schwarzen Stirnfransen an.
„Es ist unhöflich, eine so wichtige Versammlung zu stören“, bemerkt Tarek schelmisch. Ich beiße die Zähne zusammen und stehe vom Boden auf. Meine Sense ist wieder in meinen Händen. Als ich ihr Gewicht spüre, fühle ich Angst. Ich möchte niemanden mehr töten. Der Schock sitzt mir noch tief in den Knochen. Aber wenn ich jetzt versage, wird Emilio sterben und ein Schatten werden. Das darf ich nicht zulassen.
„Dann sterbt alle, damit die Sache hier schnell vorbei ist“, schreie ich Tarek entgegen und starte meinen Angriff. Ich renne auf ihn zu und erhalte fliegende Wasserklingen als Antwort. Raxia lässt meinen Körper mithilfe von Teleportationen ausweichen. Wir nähern uns dem Wächter des Totensees, bis die anderen Schatten sich dazu entschließen, sich in den Kampf einzumischen. Sie stürmen auf mich zu. Ich starre sie panisch an und unterbreche meinen Angriff auf Tarek.
x |Scheiße. Raxia, tu etwas!| x
x |Setz dich und schließ die Augen. Leite deine ganze Energie aus deinem Körper. LOS!| x
Ängstlich kauere ich mich auf dem Boden zusammen, ziehe den Kopf ein und versuche, die Energie aus meinem Inneren nach draußen abzusondern.
x |Warte, lass sie noch etwas näher kommen.| x
x |Ich kann nicht mehr.| x
x |Warte noch …| x
x |Gott, was für eine Scheiße. Ich will hier nicht draufgehen.| x
x |Jetzt!| x
Ich gehorche ihr. Explosionsartig schießt meine Energie als strahlende Welle aus meinem Körper, die alle anwesenden Angreifer gleichzeitig erfasst. Sie fangen an zu schreien und werden zurückgeschleudert. Auch Tarek kann meinen Angriff nicht abwehren. Ungebremst frisst sich meine Energie durch seine Aura, bis er sich in Luft auflöst. So ergeht es auch den anderen. Sie werden von meiner Kraft verschlungen. Die noch lebenden Körper halten die Unmenge an Energie nicht aus und verbrennen. Die Luft ist erfüllt von Todesschreien.
x |Genug Milan. Hör auf. Es ist vorbei.| x
Meine Energie löst sich auf. Der Angriff ist beendet. Der Blutmond hat seine rote Farbe verloren. Raxia steht erschöpft neben mir. Sie hat meinen Körper wieder verlassen. Wir stehen inmitten eines Haufens von verbrannten Leichen. Es ist totenstill. Ich sinke benommen zusammen. Mir kommen die Tränen, als ich das Schlachtfeld sehe.
„Der wichtigste Schatten ist entkommen“, seufzt Raxia resigniert. Sie legt tröstend eine Hand auf meine Schulter und scheint nicht geschockt. „Kopf hoch, Milan. Du hast getan, was du konntest.“
„Sie sind tot“, stammle ich benommen. „Ich habe sie alle umgebracht. So viele Menschen.“ Es liegen bestimmt um die dreißig Leichen auf dem Boden. Ich habe sie alle während eines Augenblicks getötet.
„Milan, hör auf zu weinen. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Diese Menschen wären alle zu seelenlosen Schatten geworden. Du hast sie mit ihrem Tod erlöst. Die Verbindung ihrer Seelen mit Malum wurde durchtrennt. Sie können als unschuldige Lebewesen wiedergeboren werden.“
„Aber …“ Ich knie im Schlamm. Meine Energiewelle hat den Frost aus dem Boden vertrieben. Der nasse Schmutz kriecht meinen Körper hoch. Heulend starre ich meine zitternden Hände an. An ihnen klebt kein Blut, obwohl so viele Menschen durch mich gestorben sind. Ich bin ein Monster. Plötzlich fühle ich Raxia an mir. Sie hat sich neben mich gekniet und umarmt mich.
„Du hast alles richtig gemacht“, flüstert sie mitgenommen. „Jetzt schluck deine Selbstzweifel hinunter und hör auf zu jammern. Als arrogantes Arschloch gefällst du mir besser.“
„War das gerade ein Lob?“ Ich wische mir meine Tränen weg.
„Sowas in der Art.“ Sie wendet sich von mir ab, um zu der verkohlten Leiche der Frau zu gehen.
„Du wirst bald wieder da sein. Ich verspreche es dir.“ Ihre Hände schweben über dem leblosen Körper und lassen ihn leuchten. Keine Sekunde später ist die verkohlte Leiche plötzlich verschwunden.
„Wo ist sie hin?“
„Ich habe ihren Körper in seine Bestandteile zersetzt. Das beschleunigt ihre Wiedergeburt. Sie soll so schnell wie möglich wieder leben dürfen und den Feuertod vergessen.“
„Du hast ja doch ein Herz.“
„Natürlich. Glaubst du etwa, mich lässt das alles hier kalt?“ Bedrückt geht sie an mir vorbei zu Emilio. Er hängt blutend und bewusstlos am Baum. Der Anblick ist gruselig.
„Komm her und bring es zu Ende.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst. Raxia ich …“
„Doch. Wenn du es nicht tust, wird er in ein paar Minuten sterben und ins Schattenreich wandern. Seine Seele ist dann für immer verloren. Du musst ihn retten. Und mit ihm die Welt.“
„Ich kann das nicht.“
„Milan bitte! Ich hole in der Zwischenzeit seine Seele.“
Sie rennt zum Ende der Lichtung. Ich bleibe allein mit meiner Entscheidung zurück, ihrem Drängen nachzugeben. Dabei stecke ich gewaltig in der Zwickmühle. Glaube ich Raxia? Will ich den Jungen retten? Kann ich das überhaupt noch? Ich starre auf meine Hände. Sie zittern nicht mehr, aber stark fühle ich mich trotzdem nicht. Mir geht einfach zu viel durch den Kopf. Das Ritual, die Frau, die unfassbare Grausamkeit, die mir hier begegnet ist – diese Erinnerungen haben sich fest in meine Seele eingebrannt.
Genau wie Emilios Schreie.
„Los! Ich habe seine Seele.“
Raxia reißt mich aus meinen Gedanken. Mit verschlossenen Händen kommt sie zu mir zurückgelaufen. Sie öffnet sie einen winzigen Spalt. Ich entdecke zwischen ihren Fingern ein schwaches Schimmern.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Mich trifft ihr aufrichtiger Blick, der mich seufzen lässt.
„Mein Karma ist eh im Arsch.“ Schweren Herzens trete ich an Emilio heran. „Scheiße …“
Ich sehe in sein Gesicht. Ihm hängen die braunen Haare in die Augen, sodass ich kaum etwas erkennen kann. Ist vielleicht auch besser. Jemanden ohne Gesicht zu töten, lässt sich bestimmt leichter verdrängen. Wortlos packe ich seinen Hals. Er fühlt sich eiskalt und zerbrechlich an. ‚Ich habe es gleich geschafft.‘
Ich versuche mich abzulenken. Mir kommt die Folterkammer von der Burg wieder in den Sinn. Würde Olli das jetzt sehen, hätte er sicher die korrekte Foltermethode aus dem Mittelalter parat. Warum fällt mir sowas ein, wenn ich mich ablenken will?
„Er ist tot.“ Raxias Stimme ist so laut, dass ich vor Schreck zusammenzucke. „Seine Seele hat sich von seinem Körper getrennt. Du kannst aufhören.“
Steif nehme ich meine Hände von ihm.
„Los. Wir kehren ins Nichts zurück, damit ich ihn zurückholen kann. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
„Was stehen wir dann hier noch rum?“

PDF Ansicht/Download

Keys of Zodan

Wiederkehr Teil 1

Taschenbuch und eBook

ab sofort

bei Amazon erhältlich

– jetzt teilen –
Menü