Leseprobe

ROMANAUSZUG

Ich erinnere mich an eine Unterhaltung, die ich mit Olli während eines Ausfluges in der zehnten Klasse geführt habe. Wir waren auf einer Burg und sollten in Zweierteams selbstständig Informationen rund um das Thema Mittelalter sammeln. Caro und Aiche entfernten sich von uns, weil Olli wieder einen dummen Witz gemacht hatte.
„Die Frauen im Mittelalter trugen keine BHs. Ihr könnt mir eure gern geben. Ich pass auf sie auf.“
Für den Kommentar erhielt Olli von Aiche einen Tritt und von Caro eine Ohrfeige. Es wunderte mich nicht, dass die Mädels so reagierten.
„Du bist selbst schuld“, seufzte ich und zerknüllte das Arbeitsblatt mit unseren Aufgaben für die Teamarbeit. Ich warf es im hohen Bogen über die Burgmauer und steckte gelangweilt die Hände in die Hosentaschen. „Wenn du an ihre Unterwäsche willst, musst du es geschickter anstellen.“
„Und wie?“
„Keine Ahnung. Vielleicht gibst du ihnen Geld.“
„Sehr witzig.“
„Ach, jetzt versau uns nicht den ganzen Spaß. Los, wir gehen in den Folterkeller. Vielleicht haben die da paar Plastikskelette verteilt.“
„Oh Mann.“
Wir gingen zur Folterkammer. Sie befand sich im Keller eines Turms, den wir nach ein paar Minuten fanden. Der steinerne Raum war düster und bedrückend. Es gab nur ein winziges Fenster in der Wand ganz oben, der Rest wurde mit Lampen erleuchtet, die wie Kerzen flackerten. Die existierten im Mittelalter logischerweise noch nicht. Interessiert sah ich mich um, während Olli sich laut lachend vor ein großes Holzkreuz breitbeinig platzierte.
„Deswegen hast du mich hierher gelockt, du Schwuchtel. Du willst SM-Spiele mit mir machen.“
„LOL, niemals“, antwortete ich amüsiert. „Aber hättest du die Mädels nicht verjagt, hätten wir sie jetzt da festbinden können.“
„Als ob die das zulassen würden.“
Olli ging von dem Kreuz weg. Wir entdeckten beinahe gleichzeitig eine Zeichnung an der Wand.
„Kannst du das lesen?“, fragte er.
„Hm, ich kann keine altdeutsche Schrift. Aber wenn ich richtig rate, war das wohl eine Foltermethode.“
„Sieht übel aus …“
Die Zeichnung zeigte einen Mann, der kopfüber aufgehängt war. Neben ihm stand der Henker mit einer Säge. Das Sägeblatt fraß sich durch den Schritt des Mannes.
„Da krieg ich nur vom Hinsehen eine Gänsehaut“, keuchte Olli.
„Ja, das muss übel wehgetan haben.“ Ich spürte wie sich meine Eier langsam in meinen Unterleib verkrochen.
„Was man wohl verbrochen haben muss, um diese Qualen verdient zu haben?“
„Vielleicht hatte er etwas gegen den König“, rate ich, „oder er wollte an die Unterwäsche seiner Schulfreundin.“
„Haha, du Idiot“, feixte Olli und boxte mir gegen den Arm. Wir wandten uns von dem Bild ab und sahen uns das Nächste an: Eine nackte Frau hatte ihre Arme auf dem Rücken verbunden. Ein Strang verlief über eine Spule an der Decke zu einem Holzgestell mit einem großen Rad an der Seite. Drehte der Henker daran, wurde das Seil auf der Winde aufgewickelt und die Arme der Frau nach oben gezogen. Letzten Endes würde sie irgendwann in der Luft hängen und ihr ganzes Gewicht würde auf ihren Armen ruhen, die früher oder später aus den Schultern sprangen.
„Übel“, kommentierte Olli. „Ob man daran sterben kann?“
„Hm, wenn sie die da hängen lassen und weder Wasser noch Brot reichen, bestimmt.“
„Ein Glück, dass wir nicht mehr in dieser Zeit leben.“
„Oh ja. Du wärst schon längst auf der Streckbank.“
„Und du Arschloch würdest gepfählt werden. Pfahl in den Arsch, aufstellen und warten, bis der durch deine Fresse wieder rauskommt.“
„Das würde dir gefallen, wenn ich einen harten Pfahl in meinem Arsch hätte.“
„Hahaha, ja, Alter. Solange es nicht mein Prügel ist.“
„Boar, schon die Vorstellung!“ Lachend wandte ich mich von den Folterbildern ab. Mein Interesse wurde von einer Vitrine angezogen.
Ich entdeckte eine Gabel mit Zacken an beiden Enden, inklusive eines Halsbandes. Daneben stand auf dem Zettel die Verwendung dieses Gegenstandes.
„Ey, das hab ich online im Sexshop gesehen“, mischte sich Olli plötzlich ein. „Die kommt an das Halsband und wird mit den Zacken in Kinn und Brustbein gedrückt, sobald man den Kopf bewegt.“
„Damit das Blasen zur Herausforderung wird?“
„Vielleicht haben die das damals schon beim Sex benutzt. Wenn ein Weib nicht spurte, bekamt es die Gabel.“
„Pfahl im Arsch, Halsband mit Gabel um den Hals – vielleicht wäre das doch deine Zeit gewesen, Olli.“
„Haha, du Arschloch.“
„Aber wenn du dich so auskennst, – was ist das?“ Ich zeigte auf eine Art Zange mit einer Schraube am Ende des Griffs.
„Ah, was besonders Feines“, meinte Olli großspurig und nahm neben mir Position ein. Er kratzte sich wichtigtuerisch am Kinn, bevor er zu dozieren begann. „Das nannte man den Zungen-Ausreißer. Die Zange wurde an die Zunge gelegt. Die Schraube am Ende wurde so lange gedreht, bis die Zunge draußen war.“
„Aua.“
„Ja, und dort.“ Olli deutete auf eine Art Birne aus Metall. „Das ist das nächste Utensil aus dem Sexshop. Eine Mundbirne. Die kommt zwischen die Kiefer und wird an der Schraube aufgedreht, bis Zähne und Kiefer kaputt sind. Üble Sache, wenn man es nicht nur für den Beischlaf nutzt.“
„Ein Wunder, dass bei deinem Wissen Caro nichts von dir will“, antwortete ich sarkastisch und ließ die Vitrine mit den fürchterlichen Folterwerkzeugen hinter mir. „Lass uns mal wieder an die frische Luft. Mir reicht es erst mal mit Horror.“
„Oh, Angst?“, lachte er amüsiert.
„Nein, ich will eine rauchen.“ Ich zeigte auf den Rauchmelder an der Decke, der das ganze Ambiente ruinierte. „Könnte Ärger geben, wenn ich mir hier eine anstecke.“ Olli nickte und folgte nach draußen.
Wir suchten uns eine abgelegene Ecke und rauchten. Währenddessen musste ich die ganze Zeit an die armen Schweine denken, die während der Folter sterben mussten. Vor allem das Zersägen kopfüber hat sich mir grauenvoll ins Gedächtnis gebrannt.
„Hast du dich schon mal gefragt, was nach dem Tod passiert?“, fragte ich Olli nachdenklich. Er horchte verwirrt auf und steckte sein Handy weg. Wahrscheinlich hatte er sich gerade wieder irgendwelche Sex-Clips reingezogen. War schon wie ne Sucht bei ihm.
„Na man ist tot und fertig“, antwortete Olli gleichgültig.
„Denkst du nicht, es geht irgendwie weiter?“
„Häh? Wie soll es denn weitergehen? Glaubst du an Reinkarnation?“
„Kann doch sein. Immerhin glauben einige Religionen daran.“
„Ja, die glauben auch an einen Typen, der auf der Wolke im Himmel sitzt und den Menschen Glück bringen soll.“ Olli verdrehte genervt die Augen, und hielt mir sein Handy vor die Nase. „Sieh dir mal die Glocken an. DAS ist meine Religion“, feixte er.
„Mann, die sind unecht. Sieht man doch.“
„Ist doch egal. Hauptsache, sie sind schön groß, sodass der Schwanz gut dazwischen passt.“
„Du hattest doch noch nie sowas. Und wenn, dann nur mit deinen eigenen Titten, hahaha.“
„Du Wichser.“ Olli verpasste mir einen Fausthieb gegen die Seite, den ich ihm nicht weiter krummnahm. Stattdessen lenkte ich meine Gedanken zurück zum Thema Leben nach dem Tod. Ich konnte nicht aufhören, darüber zu grübeln. Sollte danach wirklich nichts mehr kommen?
„Könntest du dir vorstellen, noch heute zu sterben?“, fragte ich Olli.
„War das eine Drohung?“
„Haha, nein. Aber stell dir vor, unser Bus hat auf der Rückfahrt zur Schule einen Unfall und du stirbst. Was würde das bedeuten?“
„Dass ich dich als Geist heimsuchen werde, bis du von der Brücke springst, um mir zu folgen.“
„Im Ernst, Olli. Mich interessiert das. Was bedeutet der Tod?“
„Boar, Alter. Ich geh nie wieder mit dir in einen Folterkeller.“ Er packte sein Handy weg. Ich rauchte meine Zigarette fertig.
„Also“, begann er irgendwann, „ich will jetzt noch nicht sterben. Vorher möchte ich noch ein paar Dinge erleben. Natürlich mein erstes Mal. Am besten mit Caro, aber ich bin nicht wählerisch.“
„Überraschung“, antwortete ich zynisch.
„Schnauze. Willst du nun eine ehrliche Antwort?“
„Ja, mach weiter.“
„Bevor ich abkratze, will ich Sex haben. Ich will auch irgendwann mal eine Familie gründen und viel Geld verdienen. Wir wohnen dann in einer großen Villa am Strand, in die du Affe uns besuchen kommst und neidisch guckst, weil ich ’ne geile Braut und eine geile Bude habe.“
„Wie nett“, schmunzelte ich und lehnte mich zurück. Ich beobachtete dabei, wie sich die vorüberziehenden Wolken am Himmel sammelten. Es würde bald regnen.
„Und du, Milli? Würdest du heute sterben wollen? Vielleicht mit einem Pfahl durch den Arsch?“
„Haha, nein. Das als Letztes. Um ehrlich zu sein, will ich nicht sterben. Ich hab Angst davor.“ Ich erinnerte mich an den Sturz aus dem Fenster. Damals dachte ich, ich würde sterben. Mir wurde sofort wieder so kalt wie einst. „Ich weiß nicht, was mich nach dem Tod erwartet. Irgendwie stelle ich ihn mir kalt und einsam vor. Andererseits glaube ich nicht, dass er bis in alle Ewigkeiten andauert. Vielleicht kommen wir wirklich nach einer gewissen Zeit zurück.“ Die Kälte wich langsam wieder aus meinem Körper. Hoffentlich hatte Olli mein Schaudern nicht bemerkt.
„Du bestimmt als Mistkäfer“, sagte er trocken.
„Wieso als Mistkäfer?“
„Na, weil du jetzt ne geile Sau bist. Wäre doch nur fair, wenn du in deinem nächsten Leben als irgendetwas Ekliges zurückkommst, vor dem die Mädels davonlaufen.“
„Und da ist deine erste Idee ein Mistkäfer?“
„Schlag halt was anderes vor.“
„Ich will als Vogel wiedergeboren werden.“
„Lass mich raten, als Raubvogel?“ Olli lachte.
„Ja, ich will als Milan zurückkommen. Haha, sehr witzig, du blöder Fuchs.“ Ich verdrehte genervt die Augen. „Nein, ich möchte irgendein Vogel sein, damit ich frei bin und hinfliegen kann, wo immer ich will.“
„Dann wirst du ne Haubenmeise. Die tragen ihr Federkleid ähnlich deiner Frisur auf dem Kopf.“
„Kannst du Arsch auch mal ernst bleiben?“
„Wer ist eine Haubenmeise?“, fragte Aiche überrascht. Sie und Caro hatten uns entdeckt und sich an uns herangeschlichen.
„Milli wird in seinem nächsten Leben eine Haubenmeise“, grinste Olli. Ich rollte mit den Augen und sah zu den Mädels.
„Wollt ihr ihm jetzt doch eure Unterwäsche anvertrauen?“, fragte ich verärgert. Ich wollte die Mädels wütend machen, damit sie sich verzogen und ich in Ruhe weiter über meine Leben-nach-dem-Tod-Sache nachdenken konnte. Aber der Plan ging nicht auf. Sie stiegen in unsere Unterhaltung ein.
„Ich möchte im nächsten Leben eine Katze werden“, antwortete Aiche entschlossen. „Die sind intelligent, elegant und besitzen sieben Leben. Sie wurden als Gottheiten verehrt und sind absolute Überlebenskünstler.“
„Und können sich selbst die Muschi lecken.“
„Olli!“
„Ich will als Schildkröte zurückkommen. Die werden steinalt und haben einen dicken Panzer, der sie vor allem beschützt“, sagte Caro lächelnd.
„Und du, Olli?“, grinste ich, weil die Mädels meine Gedanken offensichtlich nicht so lächerlich fanden wie mein bester Freund. „Als welche widerliche Kreatur kommst du zurück?“
„Pah! Ich werde ein stolzer Hahn. Mein Federkleid wird prächtig sein und alle Hühner scharen sich um mich, weil ich ihr Gott bin.“
Die Mädels lachten im Chor. Auch ich musste kichern, bei der Vorstellung, einen Hahn mit Ollis Gesicht auf einem Misthaufen beim morgendlichen Krähen zu entdecken.
„Wenn es so weit ist, wirst du der erste Hahn sein, der unter lesbisch gewordenen Hühnern lebt.“
„Boar, wie gemein Aiche!“ Olli lief knallrot an, während wir anderen ihn auslachten, bis uns die Tränen kamen.
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Seufzend umklammere ich meine Knie. Damals wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass mein Leben nach dem Tod so aussieht wie jetzt.
Ein Mistkäfer zu sein wäre vielleicht ganz cool geworden. Doch bin ich jetzt weder wiedergeboren, noch herrscht kalte Einsamkeit. Ich existiere. Aber irgendwie auch nicht. Ich besitze keine Zukunft mehr. Es ist egal, was ich unternehme. Ich werde niemals neunzehn werden. Nun muss ich den Rest meines ‚Lebens‘ als achtzehnjähriger Zombie umherwandeln, bis ich irgendwann den Bogen überspanne und in Fatums Quälerei lande – die modere Art der Folter. Mann. Olli und die anderen haben ihr ganzes Leben noch vor sich. Sie werden so viele schöne Dinge erleben, die mir verwehrt bleiben.

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